Der Ausverkauf bei Technologieaktien in der vergangenen Woche hat nach Einschätzung der Strategen von Evercore eine neue Phase der Preisfindung im KI-Boom eingeläutet. Die Experten benennen konkrete Schwellenwerte, deren Überschreiten den laufenden Bullenmarkt in eine Korrektur oder im Falle einer Rezession sogar in einen Bärenmarkt übergehen lassen könnte.
„Die vergangene Woche bestätigt erneut, dass diesmal eben nicht alles anders ist. Der KI-Bullenmarkt sieht sich mit einem Zusammentreffen mehrerer Belastungsfaktoren konfrontiert, die klare kritische Marken sichtbar machen. Werden diese überschritten, könnte aus dem Bullenmarkt eine Korrektur oder sogar ein Bärenmarkt werden“, schrieb das von Julian Emanuel geleitete Strategenteam in einer am Sonntag veröffentlichten Analyse.
Vier Risikofaktoren stehen dabei besonders im Fokus: ein Anstieg der Kreditausfallversicherungen (CDS) für Anleihen mit Investment-Grade-Rating über das März-Hoch von 68,33 Punkten, ein Überschreiten der bisherigen Höchstmarke von 411,04 Punkten bei Hochzinsanleihen, eine Trendwende bei den bislang steigenden Gewinnschätzungen je Aktie sowie ein Anstieg der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen über 5,62 Prozent.
Das auf die US-Wirtschaftspolitik spezialisierte Team von Evercore sieht insbesondere bei den Anleiherenditen ein mögliches Warnsignal für die Finanzpolitik. Ein Anstieg auf 5,62 Prozent könnte einen „finanzpolitischen Weckruf“ auslösen. Angesichts des jüngsten Renditehochs von 5,36 Prozent sei die Marke von 5,62 Prozent ein „plausibles Niveau, bei dem die Alarmglocken läuten dürften“.
Kritisch beurteilen die Strategen zudem die Annahme, dass große Cloud- und Technologiekonzerne ihre für 2027 auf rund 1,3 Billionen US-Dollar geschätzten KI-Investitionen unabhängig von den Marktbedingungen durch neue Schulden finanzieren könnten, obwohl ihr freier Cashflow inzwischen negativ ist. Evercore bezeichnet diese Vorstellung als „reines Wunschdenken“. Die Experten ziehen Parallelen zu früheren Marktphasen, in denen Anleger vergleichbare Risiken unterschätzt hätten: vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000, vor dem Börsenausverkauf 2018 infolge der Handelskonflikte und Zinserhöhungen der US-Notenbank sowie vor dem Zusammenbruch der japanischen Vermögenspreisblase 1989, auf den eine 25-jährige Phase wirtschaftlicher Stagnation folgte.
Solange die genannten Risikoschwellen nicht überschritten werden, empfiehlt Evercore Anlegern, über Aktien der sogenannten „KI-Klasse von 2026“ weiterhin auf steigende Kurse im Technologiesektor zu setzen. Gleichzeitig sollten sie Absicherungen gegen mögliche Kursschwankungen im Zusammenhang mit den US-Zwischenwahlen am 3. November beibehalten. Als Instrumente nennen die Strategen Aktien mit negativem Beta, Straddle-Optionsstrategien auf den S&P 500 sowie sogenannte Put-Spread-Collars auf den Nasdaq 100 mit Laufzeit bis Dezember.
Sollte der Nasdaq 100 seinen gleitenden 200-Tage-Durchschnitt im Bereich von 674 Punkten testen oder der S&P 500 auf 725 Punkte zurückfallen, raten die Experten dazu, bestehende Kaufpositionen auszubauen und Absicherungen aufzulösen.
An ihrem Kursziel für den S&P 500 von 7.750 Punkten zum Jahresende 2026 hält Evercore unverändert fest.
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