Es wird viel darüber diskutiert, ob die US-Notenbank ihre Zinsen weiter anheben sollte. Tatsächlich aber verschärft der Markt die Finanzierungskosten längst auch ohne zusätzliche Schritte der Federal Reserve.
Die Renditen von US-Staatsanleihen sind in den vergangenen Monaten nahezu ununterbrochen gestiegen und signalisieren zunehmenden Druck am Anleihemarkt.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag am Donnerstagmorgen (21. Mai) bei mehr als 4,6 Prozent, während die Rendite 30-jähriger Titel die Marke von 5 Prozent überschritt. Gleichzeitig ziehen auch die Renditen am kurzen Ende der Zinskurve deutlich an. Zweijährige US-Anleihen rentierten zuletzt oberhalb von 4 Prozent.
Bereits zu Wochenbeginn waren die Anleiherenditen auf Mehrjahreshochs gestiegen.
Bei einer Auktion in der vergangenen Woche wurden 30-jährige US-Staatsanleihen mit einer Rendite von 5,046 Prozent verkauft. Zwar hatte die Rendite dieser Laufzeit am Sekundärmarkt vereinzelt bereits die Marke von 5 Prozent überschritten, bei einer Auktion war ein derart hohes Niveau jedoch erstmals seit 2007 erreicht worden.
Analyst Brien Lundin erklärte, die Fed befinde sich gemeinsam mit anderen Zentralbanken weltweit in einer „Schuldenfalle“.
„Im Grunde ist es dieselbe Entwicklung, vor der ich seit einem Jahrzehnt warne ... doch inzwischen scheint die Lage zu eskalieren. Kurz gesagt treiben die inflationären Folgen höherer Ölpreise Händler aus Risikoanlagen wie Aktien, Metallen und Anleihen heraus, weil sie eine restriktive Geldpolitik der Fed befürchten.“
Noch grundlegender für den Druck am US-Anleihemarkt ist jedoch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Die Verschuldung ist bereits enorm und die US-Regierung nimmt täglich neue Schulden auf. Gleichzeitig wächst weltweit die Skepsis, diese Schulden weiter zu finanzieren.
Die ausländischen Bestände an US-Staatsanleihen sanken von 9,49 Billionen Dollar im Februar auf 9,25 Billionen Dollar. Das entspricht einem Rückgang von 2,5 Prozent.
Einige der größten ausländischen Gläubiger der Vereinigten Staaten bauen ihre Bestände an US-Anleihen inzwischen beschleunigt ab.
Im März reduzierten sich Chinas Bestände an US-Staatsanleihen um 6 Prozent auf 652,3 Milliarden Dollar.
Japan bleibt zwar größter ausländischer Gläubiger der USA, verringerte seine Bestände jedoch ebenfalls um 47 Milliarden Dollar auf 1,191 Billionen Dollar.
Was steckt hinter dem Druck am Anleihemarkt?
Ein Faktor ist der Ölpreisschock infolge des Kriegs zwischen den USA und Iran. Zahlreiche Staaten verkaufen dollarbasierte Vermögenswerte, um ihre Ölimporte zu finanzieren und ihre eigenen Währungen zu stützen.
Der Chefökonom für Asien bei HSBC, Frederic Neumann, sagte dem Sender CNBC, der Ausverkauf komme nicht überraschend.
„Angesichts der gestiegenen Volatilität an den Finanzmärkten seit Beginn des Kriegs am Golf und des dadurch entstandenen Drucks auf die Wechselkurse, insbesondere in Asien, überrascht es nicht, dass die Bestände von US-Staatsanleihen bei Zentralbanken zurückgegangen sind. Interventionen zur Stabilisierung lokaler Währungen dürften einige Zentralbanken dazu veranlasst haben, einen Teil ihrer US-Anleihen zu verkaufen.“
Die Schwäche des Anleihemarkts hatte allerdings bereits vor dem Konflikt begonnen. Seit Monaten steht der Markt unter Druck, weil viele Staaten ihre Risiken gegenüber der US-Finanzpolitik begrenzen wollen. Die US-Staatsverschuldung ist inzwischen auf mehr als 39 Billionen Dollar gestiegen. Gleichzeitig zeigt die US-Regierung keinerlei Bereitschaft, die Ausgaben einzudämmen. Hinzu kommen Kriegskosten von zusätzlich rund 1 Milliarde Dollar pro Tag.
Würden Sie einem betrunkenen Onkel, der bereits alle Kreditkarten ausgeschöpft hat, weiteres Geld leihen?
Wer das verneint, versteht laut Marktbeobachtern auch die Haltung vieler Staaten gegenüber den Vereinigten Staaten.
Entsprechend wächst weltweit das Bestreben, die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Sichtbar wird dies an der beschleunigten Entdollarisierung sowie daran, dass Gold US-Staatsanleihen zuletzt als größte globale Reserveanlage überholt hat. In Krisenzeiten gelten Dollarbestände angesichts der expansiven US-Finanzpolitik vielen Investoren als weniger attraktiv. Stattdessen rückt Gold als wertbeständige Reserve stärker in den Fokus.
Die Schwäche am Markt für US-Staatsanleihen verschärft zugleich die Belastungen für die US-Regierung, die bereits unter stark steigenden Zinskosten leidet.
Allein im April summierten sich die Zinszahlungen in den ersten sieben Monaten des Fiskaljahres 2026 auf insgesamt 734,2 Milliarden Dollar. Das entsprach einem Anstieg um 7,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Im Fiskaljahr 2025 beliefen sich die Zinskosten für die US-Staatsschulden auf 1,2 Billionen Dollar. Auch das entsprach einem Plus von 7,3 Prozent gegenüber 2024.
Das Finanzportal WolfStreet erklärte, am Anleihemarkt nähmen die Sorgen über die ausufernde US-Verschuldung und die enorme Flut neuer Staatsanleihen zu, die zur Finanzierung der hohen Haushaltsdefizite ausgegeben werden müssten. Um ausreichend neue Käufer anzulocken, könnten deshalb höhere Renditen notwendig werden.
Bereits vor einem Jahr hatte Analyst Artis Shepherd die Situation am US-Anleihemarkt als „blinkende Warnlichter“ bezeichnet.
- „Der Anleihemarkt sendet der US-Regierung die Botschaft, dass ihre Ausgaben außer Kontrolle geraten sind und das Privileg der Reservewährung, das sie in den vergangenen 80 Jahren ausgenutzt hat, schwindet.“
Unterdessen wird darüber spekuliert, ob die Federal Reserve die Zinsen zur Bekämpfung der Inflation weiter erhöhen muss. Allerdings kämpft die Notenbank bereits damit, die Zinsstrukturkurve zu kontrollieren – insbesondere bei langen Laufzeiten. Faktisch hat sie ihre Anleihekäufe bereits wieder ausgeweitet, auch wenn sie dies nicht offiziell als quantitative Lockerung bezeichnet.
Solche Maßnahmen könnten zwar die Finanzierung der Regierung erleichtern, gleichzeitig aber die Inflation weiter antreiben. Denn bei Anleihekäufen schafft die Fed neues Geld und pumpt es in das Finanzsystem – was definitionsgemäß inflationär wirkt.
Damit befindet sich die Notenbank in einem klassischen Dilemma.
Wie Lundin erklärte: „Die Fed müsste die Zinsen erhöhen, um die Inflation einzudämmen ... sie kann es wegen der Schuldenfalle aber schlicht nicht. Anleger erkennen das zunehmend und verlangen deshalb höhere Renditen für US-Staatsanleihen, um das Risiko auszugleichen.“
Die Fed stehe letztlich vor einer Grundsatzentscheidung: Sie könne entweder konsequent gegen die Inflation kämpfen oder den Anleihemarkt stützen und höhere Inflation in Kauf nehmen. Beides gleichzeitig sei nicht möglich. Historisch betrachtet habe sich die Notenbank in solchen Situationen meist für den inflationsfreundlicheren Weg entschieden.
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