Notenbanken haben die Finanzmärkte jahrelang mit Hinweisen auf ihre nächsten Schritte versorgt. Nun müssen sich Anleger darauf einstellen, dass diese Signale deutlich seltener werden. Von der US-Notenbank Fed über die Europäische Zentralbank (EZB) bis hin zur Bank of England wenden sich Währungshüter zunehmend von der sogenannten Forward Guidance ab. Sie argumentieren, dass das derzeitige Umfeld mehr Flexibilität erfordere. Für Anleger ist dieser Kurswechsel bedeutsam, denn weniger Orientierung bedeutet eine stärkere Abhängigkeit von Konjunkturdaten – und wahrscheinlich auch mehr Schwankungen an den Märkten.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten nutzen große Zentralbanken zukunftsgerichtete Hinweise zur Geldpolitik, um Haushalten und Unternehmen Orientierung bei Konsum- und Investitionsentscheidungen zu geben. Auch an den Finanzmärkten diente diese Kommunikation als wichtige Grundlage für Anlageentscheidungen.

Besonders wichtig war die Forward Guidance im Jahr 2004, als weltweit steigende Investitionen in die Infrastruktur den Inflationsdruck erhöhten. Auch während der Finanzkrise 2008 und der Corona-Pandemie 2020 spielte sie eine zentrale Rolle, um den Märkten Orientierung zu geben.

Zugleich trug die Kommunikation der Notenbanken dazu bei, Unsicherheiten über die Entwicklung der Anleiherenditen zu verringern. Doch das Instrument, das Haushalten und Unternehmen lange Planungssicherheit bot, wird für manche Zentralbanker inzwischen zunehmend zur Belastung.

Notenbanken rücken von konkreten geldpolitischen Signalen ab

Jüngste Äußerungen mehrerer Notenbanken zeigen, dass deren Vertreter künftig deutlich zurückhaltender bei Hinweisen auf bevorstehende geldpolitische Entscheidungen sein wollen.

In einem sich rasch wandelnden geopolitischen Umfeld schränke eine zu konkrete Kommunikation die Handlungsfähigkeit der Notenbanken ein. Frühzeitige Festlegungen erschwerten es den Währungshütern, ihre Entscheidungen bei veränderten Rahmenbedingungen flexibel anzupassen.

Die erste geldpolitische Sitzung der US-Notenbank unter dem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh endete mit der Botschaft, dass Marktteilnehmer künftig keine Forward Guidance der Fed mehr erwarten sollten.

Auf der Pressekonferenz zur Zinssitzung sagte Warsh, die Währungshüter seien sich einig, dass Forward Guidance „für die aktuelle geldpolitische Lage nicht gut geeignet“ sei. Zugleich kündigte er die Einrichtung von fünf Arbeitsgruppen an, die sich mit der Kommunikation der Fed, ihrer Bilanz, der Nutzung und Qualität bestehender Datenquellen, Produktivität und Beschäftigung in einer Phase des Wandels sowie dem geldpolitischen Inflationsrahmen befassen sollen. Alle diese Themen seien von zentraler Bedeutung für die Ausrichtung der Geldpolitik.

Der überraschende Kurswechsel des neuen Fed-Chefs bei der Kommunikation mit den Märkten findet auch in Europa Unterstützung. So ließ EZB-Präsidentin Christine Lagarde beim EZB-Forum im portugiesischen Sintra ebenfalls erkennen, dass sie sich mit Aussagen zum künftigen Zinskurs schwertut. „Forward Guidance steht derzeit nicht zur Debatte“, sagte Lagarde. Sie ergänzte: „Wenn ich etwas bedaure, dann, dass ich in der Vergangenheit an Forward Guidance gebunden war.“

Auch die EZB betont in ihren geldpolitischen Erklärungen seit Längerem, dass Zinsentscheidungen von Sitzung zu Sitzung und auf Grundlage der jeweils verfügbaren Daten getroffen werden. Zudem verweisen die Währungshüter regelmäßig darauf, dass es keinen vorab festgelegten Zinspfad gebe. Dennoch gelangten bislang häufig Informationen an die Öffentlichkeit, die den Märkten Hinweise auf den wahrscheinlichen Beschluss der nächsten Sitzung gaben.

Am Wochenende vermied auch EZB-Ratsmitglied und Frankreichs Notenbankchef Emmanuel Moulin jede Aussage zur Zinssitzung im Juli. „Wir betreiben keine Forward Guidance, deshalb werde ich nicht sagen, was wir tun werden“, erklärte er.

Auch der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, schlug in dieselbe Kerbe. Forward Guidance werde „ziemlich problematisch“, weil sie sich „viel leichter einführen als wieder zurücknehmen“ lasse.

Zwar entscheidet jeder Notenbanker selbst, wie offen er kommuniziert. Insgesamt deutet jedoch vieles darauf hin, dass die Zentralbanken künftig stärker auf Zurückhaltung setzen.

Konjunkturdaten rücken noch stärker in den Mittelpunkt

Wenn die Notenbanken weniger Orientierung über ihren geldpolitischen Kurs geben, gewinnen Wirtschaftsdaten für die Einschätzung künftiger Zinsentscheidungen deutlich an Bedeutung.

Nicht nur nachlaufende Indikatoren wie Beschäftigung und Inflation dürften die Zinserwartungen stärker beeinflussen. Auch Frühindikatoren wie Lohnentwicklung, Kreditkartenausgaben, die Zinsstrukturkurve, Auftragseingänge sowie die Erwartungen der privaten Haushalte werden für die Märkte wichtiger.

Die Entwicklung der Löhne liefert Investoren Hinweise auf die künftige Kaufkraft der Verbraucher. Steigende Einkommen erhöhen häufig den Inflationsdruck. Ähnlich geben Kreditkartenausgaben Aufschluss über die Nachfrage von Haushalten und Unternehmen, die wiederum maßgeblich auf die Preisentwicklung wirkt.

Der Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen spiegelt die Erwartungen der Anleger hinsichtlich Geldpolitik, Inflation und Wirtschaftswachstum wider. Eine inverse Zinsstrukturkurve – bei der kurzfristige Renditen über den langfristigen liegen – gilt häufig als Signal für eine bevorstehende wirtschaftliche Abschwächung und erhöht die Wahrscheinlichkeit sinkender Leitzinsen. Eine normale Zinsstrukturkurve deutet dagegen auf wirtschaftliche Expansion und einen restriktiveren geldpolitischen Kurs hin.

Auch neue Aufträge in Industrie und Dienstleistungssektor gelten als Frühindikatoren für die künftige Nachfrage und liefern wichtige Hinweise auf die Entwicklung von Beschäftigung und Wirtschaftswachstum.

Anleger sollten diese Konjunkturdaten daher besonders aufmerksam verfolgen, um Veränderungen bei Arbeitskräftenachfrage, Konsumverhalten und Produktivität frühzeitig zu erkennen.

Gleichzeitig müssen sich Investoren darauf einstellen, dass Währungen künftig deutlich heftiger auf regionale Konjunkturdaten reagieren könnten. Die Märkte erhalten von den Notenbanken womöglich keinen klaren Fahrplan mehr – Hinweise werden sie aber weiterhin bekommen. Anleger müssen künftig jedoch genauer hinschauen, um sie zu erkennen.

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