Eisenerz: Goldman Sachs warnt vor einem bösen Erwachen im Oktober


Der Eisenerzpreis ist wieder auf rund 95 US-Dollar je Tonne gefallen. In den vergangenen zwei bis drei Jahren mussten Käufer im Durchschnitt noch etwa 105 Dollar bezahlen. Jetzt wächst das Angebot, während aus China schwächere Nachfragesignale kommen. Eigentlich eine schlechte Kombination für den Rohstoff. Doch Goldman Sachs sieht einen entscheidenden Unterschied zu früheren Abschwungphasen: Die Produktion von Eisenerz ist inzwischen erheblich teurer geworden.

Nach Berechnungen der US-Investmentbank liegt die kurzfristige Preisuntergrenze mittlerweile bei etwa 90 bis 95 US-Dollar je Tonne. Vor zwei Jahren sah die Kostenstruktur noch ganz anders aus. Was steckt hinter dieser Entwicklung? Und warum könnten ausgerechnet die steigenden Kosten der Minenbetreiber einen weiteren Preisverfall begrenzen?

Die Antwort liefert ein Blick auf die Kostenkurve der Branche. Sie zeigt, dass bei den aktuellen Preisen bereits erhebliche Mengen an Eisenerz nicht mehr kostendeckend produziert werden können. Für die kommenden Monate hat Goldman Sachs trotzdem eine Warnung parat: Der September könnte vorerst der beste Monat für den Eisenerzmarkt gewesen sein.

Warum Eisenerz plötzlich eine neue Preisuntergrenze hat

Zunächst lohnt sich ein Blick darauf, warum Eisenerz überhaupt günstiger geworden ist.

Die Analysten um Paul Young sehen einen Markt, in dem sich Angebot und Nachfrage zunehmend ausgleichen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die veränderte Einschätzung der chinesischen Stahlproduktion und der Stahlexporte. Gleichzeitig verbessert sich das Angebot der großen Bergbauunternehmen aus Australien und Brasilien.

Hinzu kommt mit der Simandou-Mine in Westafrika eine neue Angebotsquelle. Auch die Entwicklungen rund um die China Mineral Resources Group (CMRG) spielen eine Rolle. Die chinesische Organisation bündelt die Eisenerzbeschaffung und führt Verhandlungen mit den Produzenten.

Für sich genommen sprechen diese Entwicklungen zunächst gegen steigende Eisenerzpreise. Doch während sich das Marktgleichgewicht verändert hat, sind die Kosten für die Förderung und den Transport des Rohstoffs deutlich gestiegen.

„Die veränderte Marktlage fällt mit steigenden Kosten in der gesamten Branche für Diesel, Fracht und Arbeitskräfte zusammen. Gleichzeitig schreitet die Erschöpfung bestehender Minen voran, unter anderem in China und Indien, während die Erzgehalte sinken“, schreiben die Analysten.

Goldman Sachs hat deshalb seine globale Kostenkurve anhand aktueller Unternehmensdaten und Frachtraten neu berechnet. Das Ergebnis ist bemerkenswert.

Die Grenzkosten der Produktion liegen inzwischen bei rund 95 US-Dollar je Tonne. Im Jahr 2024 waren es noch etwa 75 Dollar. Innerhalb von nur zwei Jahren sind sie damit um mehr als 20 % gestiegen.

Gemessen wird dabei das 90. Perzentil der globalen Kostenkurve. Vereinfacht gesagt: Rund 90 % der berücksichtigten Produktion liegen kostenseitig unter diesem Wert, während die teuersten 10 % darüber liegen. Goldman Sachs berücksichtigt dabei sowohl die Qualität des Eisenerzes als auch die gesamten relevanten Kosten.

Für den Preisanstieg auf der Kostenseite gibt es mehrere Gründe. Neben höheren Ausgaben für den Minenbetrieb haben insbesondere die Transportkosten kräftig zugelegt.

Ein Beispiel zeigt, wie groß der Unterschied inzwischen ist: Die Frachtraten für Eisenerzlieferungen von Brasilien nach China haben sich auf rund 40 US-Dollar je Tonne verdoppelt.

Allein der Transport verschlingt damit einen erheblichen Teil des Verkaufspreises. Gleichzeitig erschweren die Erschöpfung bestehender Lagerstätten und sinkende Erzgehalte die Förderung.

Was bedeutet das für den Markt? Unternehmen mit hohen Produktionskosten geraten wesentlich früher unter Druck als noch vor zwei Jahren. Bei niedrigen Preisen müssen sie entscheiden, ob sich die Förderung überhaupt noch lohnt.

Genau darin sieht Goldman Sachs eine wichtige Stütze für den Eisenerzpreis.

Bei 90 Dollar wird es für viele Minen richtig eng

Wie stark der wirtschaftliche Druck bereits ist, verdeutlichen die Berechnungen der Investmentbank.

Bei einem Eisenerzpreis von 95 US-Dollar je Tonne oder weniger erwirtschaften Produzenten mit einer jährlichen Fördermenge von insgesamt mehr als 200 Mio. Tonnen keinen positiven operativen Cashflow mehr.

Betroffen sind vor allem indische Exporte mit geringem Eisengehalt sowie besonders kostenintensive Produzenten aus Australien, Brasilien, Kanada, der Ukraine und Westafrika.

Noch deutlicher wird die Problematik bei einem Preis von 90 Dollar.

Dann wären nach Schätzungen von Goldman Sachs bereits mehr als 350 Mio. Tonnen Eisenerzproduktion nicht mehr in der Lage, ihre laufenden Kosten zu decken.

Das ist ein erheblicher Unterschied für einen Preisrückgang von gerade einmal fünf Dollar.

Für Anleger ist diese Entwicklung wichtig, weil ein sinkender Rohstoffpreis irgendwann eine Gegenreaktion auf der Angebotsseite auslösen kann. Wenn Minen ihre laufenden Kosten nicht mehr erwirtschaften, steigt der Anreiz, die Produktion zurückzufahren.

Weniger Angebot kann wiederum dazu beitragen, den Preis zu stabilisieren.

Erste Reaktionen gibt es bereits. Laut Goldman Sachs haben einige Produzenten mit besonders hohen Kosten Produktionskürzungen angekündigt.

Damit ist die Kostenuntergrenze nicht mehr nur eine theoretische Berechnung. Der niedrigere Eisenerzpreis zeigt bereits Auswirkungen auf die Förderentscheidungen einzelner Unternehmen.

Allerdings ist eine solche Untergrenze keine Garantie dafür, dass die Preise nicht weiter fallen können. Sie beschreibt vielmehr den Bereich, in dem ein zunehmender Teil der Branche wirtschaftlich unter Druck gerät.

Und genau dieser Bereich liegt nach den neuen Berechnungen bei etwa 90 bis 95 Dollar je Tonne.

Goldman Sachs warnt vor dem Oktober

Trotz dieser Kostenentwicklung sieht Goldman Sachs für die kommenden Monate wenig Anlass für übermäßigen Optimismus.

Die Analysten bezeichnen den September mit Blick auf die kurzfristige Preisentwicklung als den Zeitraum, in dem es für Eisenerz vorerst so gut sein dürfte, wie es nur werden kann.

Der Grund liegt vor allem in China.

Im Vorfeld der Goldenen Woche wird die chinesische Stahlnachfrage gestützt. Gleichzeitig sorgen die laufenden Verhandlungen der China Mineral Resources Group kurzfristig für ein knapperes Angebot.

Beide Faktoren helfen dem Eisenerzpreis derzeit.

Doch diese Unterstützung könnte schon bald nachlassen.

Goldman Sachs erwartet, dass die chinesische Stahlproduktion und die Nachfrage nach Eisenerz von Oktober bis November zurückgehen werden.

Gleichzeitig dürften die großen Bergbaukonzerne ihre vergleichsweise günstig produzierten Eisenerzmengen verstärkt über den Seeweg exportieren. Auch die Simandou-Mine wird zusätzliches Material auf den Markt bringen.

Damit droht eine Entwicklung, die Rohstoffproduzenten nur ungern sehen: Die Nachfrage schwächt sich ab, während das Angebot wächst.

Besonders interessant ist dabei der Unterschied zwischen den einzelnen Produzenten. Während teure Minen durch den gesunkenen Eisenerzpreis zunehmend unter Druck geraten, können Anbieter mit niedrigen Produktionskosten weiterhin zusätzliche Mengen auf den Weltmarkt bringen.

Die Produktionskürzungen der einen Seite könnten dadurch zumindest teilweise von höheren Lieferungen der anderen Seite ausgeglichen werden.

Das erklärt, warum Goldman Sachs zwar eine belastbare kurzfristige Preisuntergrenze sieht, aber dennoch nicht von einer unmittelbar bevorstehenden kräftigen Erholung ausgeht.

Eisenerz-Prognose: Goldman Sachs rechnet für 2027 mit 96 Dollar

Was bedeutet das alles für die weitere Entwicklung des Eisenerzpreises?

Auf Grundlage der aktualisierten Kostenkurve sieht Goldman Sachs die Zone zwischen 90 und 95 US-Dollar je Tonne als solide kurzfristige Unterstützung.

Der zuletzt erreichte Preis von rund 95 Dollar liegt damit bereits am oberen Ende dieses Bereichs.

Bei einem weiteren Rückgang würden noch mehr Produzenten in die Verlustzone geraten. Das könnte zusätzliche Förderkürzungen auslösen und den Markt wieder etwas ausgleichen.

Eine kräftige Preisrally lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Für das Jahr 2027 erwartet Goldman Sachs einen Eisenerzpreis von 96 US-Dollar je Tonne. Die Prognose bezieht sich auf Eisenerz mit einem Eisengehalt von 61 %.

Damit liegt die erwartete Notierung praktisch auf dem aktuellen Niveau.

Auch die langfristige Einschätzung fällt zurückhaltend aus. Für das Jahr 2030 belässt die Investmentbank ihre Referenzpreisprognose bei rund 85 US-Dollar je Tonne in realen, also inflationsbereinigten Preisen.

Nominal entspricht das einem Preis von etwa 95 bis 100 US-Dollar.

Goldman Sachs geht somit nicht davon aus, dass Eisenerz dauerhaft auf das Kostenniveau von 2024 zurückfallen muss. Gleichzeitig erwartet die Bank aber auch keine ausgeprägte Preissteigerung gegenüber dem derzeitigen Niveau.

Für die Branche ergibt sich daraus eine interessante Ausgangslage: Die gestiegenen Kosten setzen dem Preisverfall möglicherweise Grenzen, während das zusätzliche Angebot und die schwächere chinesische Nachfrage einer nachhaltigen Erholung entgegenstehen könnten.

Mein Fazit: Die Kosten retten Eisenerz – vorerst

Eisenerz steht vor einem schwierigen Herbst. Aus China droht eine schwächere Nachfrage, während Australien, Brasilien und die neue Simandou-Mine zusätzliches Angebot auf den Markt bringen. Goldman Sachs erwartet deshalb, dass der September kurzfristig bereits die günstigste Marktkonstellation geboten haben könnte.

Doch der entscheidende Unterschied zu 2024 liegt in den Produktionskosten. Sie sind um mehr als 20 % gestiegen. Bei Preisen von höchstens 95 Dollar können bereits mehr als 200 Mio. Tonnen des jährlichen Angebots keinen positiven operativen Cashflow mehr erwirtschaften. Bei 90 Dollar wären es sogar mehr als 350 Mio. Tonnen.

Für Minenbetreiber mit niedrigen Kosten ist das eine andere Ausgangslage als für ihre teureren Wettbewerber. Während Letztere bereits ihre Förderung reduzieren müssen, können günstig produzierende Unternehmen den Preisdruck länger verkraften.

Eine schnelle Erholung des Eisenerzpreises erwartet Goldman Sachs dennoch nicht. Die Prognose von 96 Dollar für 2027 zeigt, dass die Investmentbank eher mit einer Stabilisierung in der Nähe des aktuellen Preisniveaus rechnet.

Die entscheidende Frage für die kommenden Monate lautet deshalb: Reichen die Produktionskürzungen der teuren Minen aus, um die zusätzlichen Lieferungen der großen Anbieter aufzufangen?

Die Kostenkurve spricht für eine Unterstützung bei 90 bis 95 Dollar. Ob dieser Bereich tatsächlich hält, dürfte sich zeigen, wenn die chinesische Nachfrage im Oktober und November wie erwartet nachlässt.

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