Nvidia hat wieder einmal Zahlen vorgelegt, die selbst für die eigenen Verhältnisse außergewöhnlich sind. Der Umsatz hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt, der Gewinn lag über den Erwartungen und auch der Ausblick fiel stärker aus als gedacht. Doch eine Zahl sticht besonders heraus: Für das Geschäftsjahr 2028 stellt Nvidia ein Umsatzwachstum von rund 70 % in Aussicht.
Zum Vergleich: Die Wall Street hatte bislang gerade einmal mit 44 % gerechnet.
Genau diese Differenz erklärt, warum die Nvidia-Aktie nachbörslich zeitweise um 5,6 % nach oben sprang. Nach mehreren Quartalen, in denen selbst starke Zahlen nicht mehr für Begeisterung sorgten, könnte Nvidia damit endlich wieder eine positive Reaktion auf einen Quartalsbericht gelingen.
Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Nvidia sagt nicht, dass die Nachfrage bei 70 % Wachstum liegt. Sie liegt offenbar noch deutlich höher.
„Obwohl unsere Nachfrage deutlich über 70 % liegt, erlaubt uns unsere verfügbare Kapazität, mit hoher Sicherheit 70 % zu liefern. Wir werden weiter mit unserer Lieferkette daran arbeiten, dieses Niveau noch zu erhöhen“, sagte Nvidia-Chef Jensen Huang in der Telefonkonferenz.
Das ist für Anleger ein bemerkenswertes Signal. Nvidia scheint aktuell nicht daran zu scheitern, genügend Kunden für seine KI-Chips zu finden. Das Problem ist vielmehr, genügend Produkte bereitzustellen.
Nvidia überrascht selbst die Optimisten
Gene Munster, Managing Partner bei Deepwater Management, sieht in der Prognose einen wichtigen Hinweis darauf, wie stark die Nachfrage inzwischen geworden ist.
„Die Realität ist, dass diese Zahlen sehr deutlich gestiegen sind“, sagte Munster mit Blick auf das Umsatzwachstum von Nvidia. „Und sie werden im Kalenderjahr 2028 wahrscheinlich stärker steigen, als viele derzeit erwarten.“
Besonders interessant ist dabei, dass sich die Kundenstruktur von Nvidia offenbar verändert.
Die beiden größten Kunden stehen laut Munster inzwischen für rund 30 % des Umsatzes. Im vorherigen Quartal waren es noch etwa 38 %.
Das klingt zunächst nach einem Detail. Tatsächlich ist es aber wichtig.
Denn einer der größten Kritikpunkte an der Nvidia-Story war lange Zeit die starke Abhängigkeit von wenigen gigantischen Technologiekonzernen. Wenn sich diese Konzentration reduziert, wird das Geschäftsmodell breiter und damit auch weniger abhängig von den Investitionsentscheidungen einzelner Kunden.
Huang verweist in diesem Zusammenhang auf eine neue Kundengruppe, die Nvidia als „ACIE“ bezeichnet. Dazu zählen staatliche KI-Unternehmen, Neocloud-Anbieter, Start-ups und klassische Unternehmen.
Munster geht davon aus, dass diese Gruppe bis Ende 2027 bereits rund 50 % des Nvidia-Umsatzes ausmachen könnte.
Damit würde sich der KI-Boom zunehmend von den großen Hyperscalern auf eine deutlich breitere Kundenbasis ausweiten.
Und genau das wäre für Nvidia wichtig.
Doch bei Nvidia gibt es einen Haken
So stark die Zahlen auch ausfallen, ganz ohne Schwachpunkt ist der Bericht nicht.
Der Blick auf die Margen fällt etwas weniger euphorisch aus.
Nvidia erwartet im laufenden Quartal eine Bruttomarge von 74 %. Die Wall Street hatte mit rund 75 % gerechnet.
Noch interessanter ist der Blick auf die kommenden Quartale. Nvidia warnte davor, dass die Bruttomarge im Januar-Quartal auf etwa 71 bis 72 % sinken könnte.
Als Grund nannte das Unternehmen unter anderem stark steigende Preise für Speicherchips.
Das ist deshalb relevant, weil Nvidia nicht nur wegen seines Wachstums so hoch bewertet wird. Ein entscheidender Teil der Investmentstory sind auch die außergewöhnlich hohen Margen.
Munster rechnet deshalb nicht damit, dass Nvidia kurzfristig wieder auf eine Bruttomarge von 75 % zurückkehren wird.
„Anleger sollten mit einer Marge von 72 oder 73 % im kommenden Jahr zufrieden sein“, sagte er.
Das klingt im ersten Moment ernüchternd. Man darf die Größenordnung aber nicht vergessen. Eine Bruttomarge von mehr als 70 % bleibt für einen Halbleiterkonzern außergewöhnlich hoch.
Trotzdem zeigt sich hier ein Punkt, den Anleger im Auge behalten sollten: Das Wachstum bleibt extrem stark, könnte aber künftig etwas teurer werden.
Genau deshalb sind diese Nvidia-Zahlen so wichtig
Nvidias Quartalsbericht kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der gesamte KI-Trade unter Beobachtung steht.
Nach einer starken Rally im April, Mai und Juni halfen KI-Aktien der Wall Street dabei, die Belastungen durch den Nahostkonflikt abzuschütteln und neue Rekordstände zu erreichen.
Im Juli kippte die Stimmung jedoch.
Die Sorgen drehten sich zunehmend um eine einfache Frage: Werden sich die enormen KI-Investitionen der großen Technologiekonzerne am Ende wirklich auszahlen?
Der Philadelphia Semiconductor Index brach im Juli um mehr als 20 % ein.
Genau deshalb waren die Erwartungen an Nvidia vor den Zahlen so hoch.
Microsoft, Meta Platforms, Alphabet und Amazon gehören zu den größten Nvidia-Kunden. Zusammen haben diese Konzerne in ihren jüngsten Quartalsberichten Investitionspläne von rund 750 Mrd. US-Dollar angekündigt.
Das ist eine Summe, die selbst für die größten Technologiekonzerne der Welt gewaltig ist.
Und genau deshalb braucht es einen Beweis dafür, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur tatsächlich so stark ist, wie es diese Investitionen vermuten lassen.
Nvidia liefert diesen Beweis zumindest derzeit.
Die Nachfrage wächst weiter, die Umsätze steigen massiv und offenbar kommt inzwischen auch mehr Geschäft von Unternehmen außerhalb der klassischen Hyperscaler.
Das ist für den Markt womöglich wichtiger als die reine Gewinnüberraschung.
Amazon setzt weiter massiv auf Nvidia
Für zusätzlichen Rückenwind sorgte am Mittwoch eine neue Vereinbarung mit Amazon.
Amazon Web Services und Nvidia weiten ihre Zusammenarbeit deutlich aus. Dabei sollen insgesamt 2 Mio. Nvidia-GPUs über das globale AWS-Netzwerk eingesetzt werden.
Beide Unternehmen wollen darüber hinaus ihre Zusammenarbeit bei KI-Fabriken, CPUs, Netzwerktechnik, offenen KI-Modellen, Datenverarbeitung und Robotik vertiefen.
Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil Amazon parallel eigene Chips entwickelt und damit grundsätzlich versucht, seine Abhängigkeit von Nvidia zu reduzieren.
Trotzdem kauft AWS weiterhin in gewaltigem Umfang Nvidia-Hardware.
Für Nvidia ist das ein starkes Zeichen.
Denn es zeigt, dass selbst Kunden mit eigenen Chipambitionen derzeit offenbar nicht auf die Produkte des Marktführers verzichten können.
Nvidia wächst um 106 Prozent
Auch die eigentlichen Quartalszahlen zeigen, wie außergewöhnlich die Dynamik weiterhin ist.
Nvidia verdiente im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 bereinigt 2,22 US-Dollar je Aktie. Analysten hatten mit 2,08 US-Dollar gerechnet.
Der Umsatz erreichte 96,22 Mrd. US-Dollar. Erwartet worden waren lediglich 91,90 Mrd. US-Dollar.
Damit stieg der Umsatz innerhalb eines Jahres um 106 %.
Noch beeindruckender fällt die Entwicklung im wichtigsten Geschäftsbereich aus.
Der Umsatz mit Rechenzentren sprang um 117 % auf 89,02 Mrd. US-Dollar.
Die bereinigte Bruttomarge lag gleichzeitig bei 75 % und damit 250 Basispunkte über dem Vorjahresniveau.
Damit wird erneut deutlich, wie stark Nvidia inzwischen vom Data-Center-Geschäft abhängig ist.
Und solange dort solche Wachstumsraten erzielt werden, bleibt die gesamte Nvidia-Story intakt.
Huang sieht die KI-Branche inzwischen an einem Wendepunkt.
„KI hat ihren Wendepunkt erreicht. Sie erledigt nützliche Arbeit. Ihre Tokens sind produktiv und profitabel. Rechenleistung wird jetzt zu Umsatz“, erklärte der Nvidia-Chef.
Auch seine weitere Einschätzung fällt entsprechend optimistisch aus.
„Wir erleben ein goldenes Zeitalter neuer KI-Labore und Start-ups, mehrere führende KI-Labore skalieren gleichzeitig, das Ökosystem offener Modelle floriert und physische KI kommt auf den Markt - mit starkem Momentum in den USA und weltweit.“
Hinter diesen Aussagen steckt eine klare Botschaft.
KI soll nicht mehr nur ein technologisches Experiment sein. Sie soll zunehmend wirtschaftlichen Nutzen erzeugen.
Und genau das ist entscheidend.
Denn nur wenn Unternehmen mit KI tatsächlich Geld verdienen oder ihre Kosten senken können, lassen sich die enormen Investitionen in Rechenzentren, Chips und Infrastruktur langfristig rechtfertigen.
Nvidia wird selbst zum Geldgeber der KI-Branche
Nach den Zahlen verteidigte Huang in einem Interview mit CNBCs „Mad Money“ außerdem die wachsende Rolle von Nvidia bei der Finanzierung anderer KI-Unternehmen.
Seiner Einschätzung nach benötigen KI-Start-ups deutlich mehr Kapital als klassische Softwareunternehmen.
Das verändert auch die Rolle von Nvidia.
Der Konzern liefert nicht mehr nur Chips. Er wird zunehmend selbst zu einem wichtigen Kapitalgeber innerhalb des KI-Ökosystems.
Das kann strategisch sinnvoll sein, weil Nvidia damit das Wachstum seiner eigenen Kunden unterstützt.
Es erhöht aber gleichzeitig die Verflechtung innerhalb der Branche.
Zusätzlich berichteten Medien, dass Nvidia über eine Übernahme der großen KI-Plattform Hugging Face verhandelt. Als möglicher Kaufpreis stehen rund 13 Mrd. US-Dollar im Raum.
Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre das ein weiterer Schritt weg vom reinen Chipgeschäft.
Nvidia würde seine Position damit noch stärker entlang der gesamten KI-Wertschöpfungskette ausbauen.
Nvidia legt beim Ausblick noch einmal nach
Auch für das laufende Quartal bleibt der Konzern äußerst optimistisch.
Nvidia erwartet für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatz von rund 108 Mrd. US-Dollar. Die tatsächliche Zahl kann dabei um etwa 2 % nach oben oder unten abweichen.
Die Wall Street hatte bislang mit 105,16 Mrd. US-Dollar gerechnet.
Damit zeichnet sich bereits der nächste Umsatzrekord ab.
Für Anleger ist deshalb jetzt vor allem eine Frage entscheidend: Wie lange kann Nvidia dieses Tempo durchhalten?
Die Antwort des Managements fällt derzeit erstaunlich klar aus.
Wenn Nvidia im Geschäftsjahr 2028 tatsächlich um rund 70 % wächst, dann liegen die aktuellen Erwartungen der Wall Street möglicherweise deutlich zu niedrig.
Und genau darin liegt die eigentliche Überraschung dieses Quartals.
Es geht nicht darum, dass Nvidia erneut die Erwartungen geschlagen hat. Das ist bei diesem Unternehmen inzwischen fast schon Routine.
Es geht darum, dass Nvidia signalisiert, dass der KI-Boom womöglich noch deutlich größer und länger ausfallen könnte, als der Markt bislang kalkuliert.
Die Risiken verschwinden dadurch nicht.
Die Margen könnten unter Druck geraten, Speicherpreise steigen und die Investitionen der Hyperscaler bleiben ein wichtiger Faktor.
Doch solange Nvidia seine Umsätze in diesem Tempo steigert und die Nachfrage sogar über der verfügbaren Produktionskapazität liegt, bleibt die Ausgangslage außergewöhnlich stark.
Für die Nvidia-Aktie dürfte deshalb vorerst vor allem eine Zahl im Mittelpunkt stehen: 70 % Wachstum.
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