Der Debasement Trade ist zurück. Gold steigt, Anleihen geraten unter Druck und auch der Dollar verliert an Attraktivität. Für Barclays steckt dahinter mehr als nur eine kurzfristige Marktbewegung. Die Strategen um Emmanuel Cau sehen vor allem die Rekordverschuldung der Staaten und das wachsende Risiko politischer Eingriffe als Treiber.
Das Spannende daran: Anleger flüchten deshalb nicht aus Aktien. Ganz im Gegenteil.
Allein im August flossen rund 150 Mrd. US-Dollar in langfristig ausgerichtete Aktienstrategien. Damit ist 2026 weiter auf Kurs, ein Rekordjahr bei den Zuflüssen zu werden. Nach dem heftigen Momentum-Rückschlag im Juli hat sich die Stimmung erstaunlich schnell erholt.
Genau daraus entsteht derzeit ein ungewöhnliches Marktbild. Investoren halten an Aktien fest, sichern sich gleichzeitig gegen Inflation ab und meiden langlaufende Anleihen. Für Barclays ist das ziemlich genau das Umfeld, in dem der Debasement Trade wieder funktioniert.
Was hinter dem Debasement Trade steckt
Der Begriff klingt komplizierter, als er eigentlich ist.
Beim Debasement Trade setzen Anleger vereinfacht gesagt darauf, dass Geld und klassische Staatsanleihen durch hohe Schulden, Inflation oder politische Eingriffe langfristig an realem Wert verlieren. Davon können Vermögenswerte profitieren, die nicht beliebig vermehrt werden können. Gold ist das bekannteste Beispiel.
Und genau dieses Muster zeigt sich gerade wieder.
Aktien werden weiterhin stärker nachgefragt als Bargeld oder Anleihen. Dadurch hat sich die Lücke zwischen den verschiedenen Anlageklassen seit Jahresbeginn weiter vergrößert.
Gleichzeitig sorgen die höheren Ölpreise dafür, dass Anleger verstärkt nach Inflationsschutz suchen. Das zeigt sich unter anderem bei TIPS, also inflationsgeschützten US-Staatsanleihen.
Auf der anderen Seite nehmen die Short-Positionen auf klassische US-Staatsanleihen zu. Besonders langlaufende Papiere werden weiterhin gemieden.
Barclays bringt die Ursache auf eine einfache Formel: „Rekordverschuldung und Interventionsrisiko“.
Das ist der Kern der Sache.
Wenn Staaten immer mehr Schulden aufnehmen und Anleger gleichzeitig befürchten, dass Notenbanken oder Regierungen stärker in die Märkte eingreifen müssen, sinkt die Attraktivität langfristiger nominaler Anlagen. Gold profitiert dann gleich von mehreren Seiten.
Jetzt blickt alles auf die Fed
Der nächste wichtige Termin ist deshalb Jackson Hole.
Barclays hofft dort auf mehr Klarheit von Fed-Chef Kevin Warsh. Besonders wichtig dürfte sein, wie die US-Notenbank künftig auf neue Inflationsrisiken reagieren will.
Mehr Klarheit über die Reaktionsfunktion der Fed gegenüber Inflation „würde von den Märkten begrüßt“, schreiben die Strategen.
Das ist nicht nur eine theoretische Frage.
Steigende Ölpreise erhöhen den Inflationsdruck. Gleichzeitig bleibt die Schuldenaufnahme hoch. Wenn Anleger den Eindruck bekommen, dass die Fed Inflation weniger konsequent bekämpfen kann oder will, dürfte das den Debasement Trade zusätzlich stärken.
Umgekehrt könnte eine glaubwürdige und klare Linie der Fed zumindest etwas Ruhe in den Anleihemarkt bringen.
Genau diese Ruhe wäre auch für Aktien hilfreich.
Denn Barclays bleibt für den Aktienmarkt grundsätzlich konstruktiv. Die Unternehmensgewinne liefern weiterhin Unterstützung. Doch die Strategen sehen zunehmend Risiken durch eine höhere makroökonomische Volatilität, Sorgen rund um die enorme Kapitalbereitstellung für den KI-Boom und die traditionell schwierige Phase vor den US-Zwischenwahlen.
„Ein weiteres langsames Hochlaufen bleibt unser Basisszenario, dürfte aber ruhigere Anleihe- und Ölmärkte voraussetzen - in einer normalerweise volatilen Phase nach der Sommerpause“, heißt es.
Mit anderen Worten: Barclays erwartet keinen unmittelbaren Einbruch. Aber die Luft wird dünner, wenn Öl und Renditen gleichzeitig weiter steigen.
Aktien ziehen weiter Milliarden an
Die Kapitalströme zeigen, dass Anleger bislang noch nicht auf Rückzug schalten.
Allein US-Aktien zogen im vergangenen Monat rund 85 Mrd. US-Dollar an. Das ist bemerkenswert, weil die Stimmung gegenüber dem Dollar gleichzeitig schwächer geworden ist.
Europa kann da nicht mithalten.
Die Zuflüsse bleiben klein und hinken der verbesserten wirtschaftlichen Entwicklung in der Region hinterher. Ein Grund ist laut Barclays der wieder gestiegene Ölpreis.
Auch innerhalb Europas gibt es große Unterschiede.
Die Peripherieländer ziehen mehr Kapital an als die Kernländer. Besonders Frankreich leidet unter den Sorgen um die Staatsfinanzen.
Das passt wiederum zum Debasement Trade. Wo die fiskalischen Risiken steigen, reagieren Anleger empfindlicher.
Bei den Schwellenländern konzentrieren sich die Zuflüsse weiterhin vor allem auf Südkorea und Taiwan. Japan bleibt dagegen wenig gefragt. Die Kapitalzuflüsse sind verhalten, nachdem Short-Positionen auf den Yen infolge von Interventionen reduziert wurden.
Tech stabilisiert sich - aber Anleger drehen Richtung Value
Auch bei der Positionierung hat sich das Bild zuletzt verändert.
Technologie- und Momentum-Aktien haben sich im August stabilisiert. Gleichzeitig ist die Marktbreite unter den Durchschnitt gefallen.
Das bedeutet: Die Indizes halten sich zwar gut, aber weniger Aktien tragen die Bewegung.
Europäische Banken bleiben stark nachgefragt. Gleiches gilt für Unternehmen, die von den hohen KI-Investitionen profitieren. Barclays nennt hier Halbleiterwerte, Investitionsgüterunternehmen, Rohstoffkonzerne und Versorger.
Gleichzeitig hat sich das Crowding bei bisherigen KI-Verlierern und Konsumtiteln von den jüngsten Tiefständen etwas gelockert.
Besonders interessant ist aber eine andere Entwicklung: Value bleibt gegenüber Growth und Quality bevorzugt.
Das zeigt, dass Anleger zwar nicht grundsätzlich vorsichtiger gegenüber Aktien werden, aber stärker auf Bewertungen achten.
Das ist gerade in einem Umfeld steigender Zinsen wichtig.
Denn hoch bewertete Wachstumsaktien reagieren normalerweise empfindlicher, wenn die Renditen am Anleihemarkt steigen. Günstiger bewertete Value-Titel kommen mit einem solchen Umfeld häufig besser zurecht.
Der große Index wird ruhiger - die Einzelaktien nicht
Auch der Optionsmarkt liefert einen interessanten Hinweis.
Barclays sieht dort derzeit ruhigere große Aktienindizes, gleichzeitig aber mehr Bewegung bei einzelnen Aktien.
Die Volatilität einzelner Titel bleibt hoch. Gleichzeitig fallen die Reaktionen auf Quartalszahlen immer unterschiedlicher aus.
Für Barclays ist das ein Markt, der „zunehmend von aktienspezifischen Chancen getrieben wird“.
Für Anleger ist das durchaus wichtig.
In einem Markt, in dem praktisch alles gleichzeitig steigt, spielt die Auswahl einzelner Unternehmen eine geringere Rolle. Wenn sich die Entwicklung der Aktien dagegen stärker auseinanderbewegt, werden Geschäftsmodell, Bewertung, Gewinnentwicklung und Bilanz wieder entscheidender.
Stockpicking könnte damit wieder wichtiger werden.
Diese Trades könnten jetzt besonders wehtun
Barclays nennt auch mehrere Konstellationen, die für viele Anleger problematisch werden könnten.
Besonders unangenehm wäre ein Rückgang der Aktienkurse bei gleichzeitig steigenden Zinsen. Das würde klassische Aktien-Anleihen-Portfolios von beiden Seiten treffen.
Ein weiteres Risiko wäre eine Rotation weg von zyklischen Aktien hin zu defensiven Titeln.
Auch Banken und Unternehmen, die von hohen Investitionen profitieren, könnten unter Druck geraten, falls plötzlich Konsumwerte besser laufen.
Besonders spannend bleibt außerdem der KI-Trade.
Sollten die bisherigen KI-Gewinner fallen und gleichzeitig die bisherigen Verlierer steigen, würde das viele stark positionierte Anleger treffen.
Und dann gibt es noch den Ölpreis.
Ein weiterer Anstieg wäre wahrscheinlich das unangenehmste Szenario. Höheres Öl kann die Inflation antreiben, den Druck auf die Anleihemärkte erhöhen und gleichzeitig die Wachstumsaussichten belasten.
Genau deshalb ist der Ölpreis für den Debasement Trade so wichtig.
Warum der Debasement Trade jetzt wieder interessant wird
Die aktuelle Lage ist deshalb ungewöhnlich.
Aktien bleiben stark gefragt, obwohl gleichzeitig die Sorgen über Staatsverschuldung, Inflation und politische Eingriffe zunehmen. Gold profitiert davon, während Anleger langlaufende Anleihen meiden.
Das ist kein klassischer Risk-off-Markt.
Investoren ziehen ihr Geld nicht einfach komplett ab. Sie verschieben es.
Aktien bleiben interessant, solange die Unternehmensgewinne überzeugen. Gleichzeitig steigt aber die Nachfrage nach Absicherung gegen eine mögliche Entwertung von Geld und Anleihen.
Genau das ist der Debasement Trade.
Barclays geht deshalb weiter von langsam steigenden Aktienmärkten aus. Dafür müssen sich allerdings vor allem zwei Dinge beruhigen: der Ölmarkt und der Anleihemarkt.
Passiert das nicht, dürfte der Debasement Trade noch deutlich länger ein Thema bleiben.
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Das sollten Sie am Donnerstag, den 27. August, im Blick behalten:
Das Handelsgeschehen bleibt am Donnerstagmorgen in Europa unruhig, da sich die Anleger vor dem mit Spannung erwarteten Jackson-Hole-Symposium mit größeren Positionen zurückhalten. Der US-Wirtschaftskalender umfasst die Daten zur Handelsbilanz für Waren für Juli sowie die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung.