Fed-Chef Kevin Warsh hat nach der jüngsten Zinserhöhung genau den richtigen Ton getroffen. Kurz, klar und ohne das übliche Ratespiel darüber, was die US-Notenbank beim nächsten Treffen tun könnte.
Die Fed hatte den kurzfristigen Leitzins in der vergangenen Woche einstimmig mit 12 zu 0 Stimmen um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Doch obwohl sich an der Wall Street fast alles um diesen Zinsschritt drehte, war für mich etwas anderes deutlich interessanter: Warsh selbst.
Ich halte Kevin Warsh für den klarsten und sprachlich stärksten Fed-Chef seit Paul Volcker, der die US-Notenbank von 1979 bis 1987 führte. Anders als der oft grimmig wirkende Volcker oder sein eher nüchterner Vorgänger Jay Powell tritt Warsh zudem deutlich zugänglicher auf.
Aber wichtiger als der Stil ist seine Botschaft.
Warsh könnte als einer der entschiedensten geldpolitischen Falken seit Martin und Volcker in die Geschichte eingehen. Also als jemand, der stärker auf Geldwertstabilität und Disziplin achtet und weniger auf eine dauerhaft expansive Geldpolitik. Das wäre ein deutlicher Unterschied zu Ben Bernanke, Janet Yellen und Jay Powell, unter deren Führung die Fed deutlich großzügiger agierte. Allein 2020 und 2021 verdoppelte sich die Bilanz der US-Notenbank.
Doch ausgerechnet über das Thema, auf das alle starren, wollte Warsh kaum sprechen: den nächsten Zinsschritt.
Fed-Chef Warsh macht Schluss mit dem Zins-Ratespiel
Die Märkte hängen seit Jahren an jedem Wort der Fed. Ein schwacher Arbeitsmarktbericht, eine überraschende Inflationszahl oder neue Einzelhandelsdaten reichen oft aus, um die Erwartungen für die nächste Sitzung innerhalb von Minuten zu verändern.
Warsh scheint von diesem Spiel wenig zu halten.
Und genau das machte seine Pressekonferenz so interessant.
Statt minutenlang über mögliche Zinspfade zu spekulieren, begann er mit der US-Wirtschaft.
„Unsere Entscheidung fällt in eine Zeit, in der sich die amerikanische Wirtschaft offenbar festigt. Neueinstellungen, Einkommen im privaten Sektor und Unternehmensinvestitionen – jeder dieser Indikatoren hat sich in den vergangenen Monaten verbessert und weist in eine gute Richtung. Die Kreditvergabe war robust, insbesondere an Unternehmen.“
Das ist eine bemerkenswert positive Einschätzung.
Vor allem deshalb, weil Warsh gleichzeitig auf die zahlreichen geopolitischen Unsicherheiten verwies.
„Betrachtet man die geopolitische Landschaft mit ihren Schocks und Unsicherheiten, beginnt man die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft zu würdigen. Angesichts dieser Widerstandsfähigkeit und des Potenzials für eine noch bessere Entwicklung war Optimismus genau das, was ich in den vergangenen beiden Tagen innerhalb des FOMC gehört habe.“
Mit anderen Worten: Trotz aller Risiken sieht Fed-Chef Warsh derzeit mehr Stärke als Schwäche in der US-Wirtschaft.
Das ist für Anleger wichtiger als die Frage, ob der nächste Zinsschritt nun einen Monat früher oder später kommt.
„Ich werde zukünftige Entscheidungen nicht vorwegnehmen“
Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Journalisten trotzdem wieder beim Thema Zinsen ankamen.
Die New York Times wollte von Warsh wissen, wie er die zukünftige Zinsentwicklung einschätzt.
Seine Antwort war eindeutig.
„Ich werde keine unserer zukünftigen Entscheidungen vorwegnehmen. Vielleicht haben Sie mich in Jackson Hole sagen hören, dass ich mich zu einer Disziplin und einer Reihe von Prinzipien verpflichtet habe: aus dem Fenster zu schauen und zu sehen, was ich beobachten kann.“
Genau dieser Satz gefällt mir.
Denn Warsh versucht gar nicht erst, so zu tun, als könne die Fed die Wirtschaft bis auf die zweite Nachkommastelle vorhersehen.
Stattdessen will er beobachten, was tatsächlich passiert.
Das klingt simpel. Ist es aber nicht.
Denn über Jahre hat sich an den Märkten eine regelrechte Besessenheit von einzelnen Wirtschaftsdaten entwickelt. Ein CPI-Bericht erscheint etwas höher als erwartet? Sofort werden Zinssenkungen ausgepreist. Arbeitsmarktdaten fallen schwächer aus? Plötzlich wird wieder über eine lockerere Geldpolitik spekuliert.
Warsh stellt genau diese Denkweise infrage.
„Ich bin kein Typ, der von einzelnen Datenpunkten abhängig ist. Deshalb werde ich nicht in die eine oder andere Richtung auf Daten reagieren, die plötzlich vor unserer Tür liegen. Trends sind wichtig. Wir müssen aus dem Fenster schauen und die Realität hinterfragen.“
Das ist der Kern seiner Botschaft.
Nicht ein Datenpunkt entscheidet. Der Trend entscheidet.
Fed-Chef Warsh warnt vor einer gefährlichen Fixierung
Gegenüber einem Reporter von Politico wurde Warsh sogar noch deutlicher.
Die USA hätten sich daran gewöhnt, einzelne Wirtschaftsdaten regelrecht atemlos abzuwarten. Warsh hält davon nichts.
Er habe weder auf die Einzelhandelsumsätze des Morgens noch auf die Inflationszahlen der Vorwoche gewartet, um daraus sofort eine neue geldpolitische Einschätzung abzuleiten.
Seine Erklärung:
„Datenpunkte sind verrauscht. Die Abhängigkeit von einzelnen Datenpunkten ist eine gefährliche Fixierung. Damit beschäftige ich mich nicht.“
Das ist ungewöhnlich deutlich.
Warsh sagt damit im Grunde: Hört auf, aus jedem Monatswert eine neue Geschichte zu machen.
Und er hat damit einen Punkt.
Einzelne Konjunkturdaten werden regelmäßig revidiert. Manche Signale drehen bereits wenige Wochen später wieder. Wer sich ausschließlich daran orientiert, läuft Gefahr, jedem kurzfristigen Ausschlag hinterherzulaufen.
Warsh will stattdessen, dass die Märkte verstehen, nach welchen Prinzipien diese Fed entscheidet und welche Entwicklungen tatsächlich relevant sind.
Er möchte die Interpretation aber nicht gleich mitliefern.
Auch das ist neu.
Gundlach findet die Pressekonferenz „inhaltsleer“
Nicht jeder war von dieser Haltung begeistert. Jeff Gundlach, Gründer und CEO von Doubleline, war einer der ersten Gäste bei CNBC nach der Pressekonferenz.
Sein Urteil fiel hart aus. „Die Pressekonferenz war irgendwie inhaltsleer. Es wurden viele Fragen gestellt, aber nicht viele Antworten gegeben.“
Ich sehe das genau anders. Warsh hat sehr wohl Antworten gegeben. Nur eben nicht die Antworten, die viele Marktteilnehmer hören wollten.
Er hat keinen Zinspfad versprochen. Keine Prognose für die nächsten Sitzungen geliefert. Kein neues Fed-Signal versteckt.
Stattdessen hat er erklärt, wie er wirtschaftliche Entwicklungen beurteilen will. Und genau das halte ich für wesentlich wertvoller.
Ich habe mir über Jahre angewöhnt, einzelne Monatsdaten nicht überzubewerten. Viele davon werden später deutlich revidiert. Aussagekräftiger ist häufig der längerfristige Trend, beispielsweise über zwölf Monate.
Warsh denkt offenbar ähnlich.
Auf die Frage nach der Bedeutung einzelner Wirtschaftsdaten antwortete er trocken: „Ich bin kein Wall-Street-Newsletter.“
Treffender kann man es kaum formulieren.
Warsh setzt der Wall Street klare Grenzen
Warsh machte zugleich deutlich, wie er die Unabhängigkeit der Fed versteht.
„Unabhängigkeit ist keine Einbahnstraße. Wir lassen diejenigen, die für Handelspolitik und Fiskalpolitik zuständig sind, ebenfalls in ihrem Bereich.“
Das ist eine klare Ansage.
Die Fed soll Geldpolitik machen. Sie soll nicht jeden Tag Handelspolitik kommentieren, Fiskalpolitik bewerten oder den Märkten erklären, wie sie die neuesten Daten interpretieren sollen.
Auch diesen Punkt hatte Warsh bereits Ende August in Jackson Hole angesprochen.
Damals fanden seine zentralen Aussagen meiner Meinung nach deutlich weniger Aufmerksamkeit, als sie verdient hätten.
Die öffentliche Debatte konzentriert sich eben lieber auf die nächste Zinsentscheidung.
Steigen die Zinsen? Fallen sie? Wann kommt der nächste Schritt?
Genau diese Fixierung treibt die Märkte immer wieder in die eine oder andere Richtung.
Warsh versucht, diese Erwartungshaltung jetzt bewusst herunterzufahren.
Er sagte selbst: „Unser Wissen reicht nicht so weit.“
Vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Sätze seiner bisherigen Amtszeit.
Denn Notenbanker wissen nicht alles.
Und sie können nicht jede wirtschaftliche Entwicklung vorhersagen.
Der entscheidende Satz von Fed-Chef Warsh
Noch spannender ist für mich ein anderer Punkt, den Warsh angesprochen hat. „Wir sollten auf das Geld achten, das von der Zentralbank geschaffen wird.“
Das klingt fast banal. Ist es aber nicht.
Denn damit bringt Warsh die Diskussion wieder zurück zu einem Kern der Geldpolitik: zur Geldmenge.
Milton Friedman formulierte es einst drastisch: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.“
Genau hier könnte sich Warsh deutlich von seinen Vorgängern unterscheiden.
Während die Märkte nahezu reflexartig auf jeden neuen Inflations- oder Arbeitsmarktbericht schauen, lenkt der Fed-Chef den Blick stärker auf längerfristige Trends, Geldschöpfung und die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung.
Das ist kein spektakulärer Ansatz. Aber möglicherweise ein deutlich sinnvollerer.
Für Anleger bedeutet das: Wer Fed-Chef Warsh verstehen will, sollte vielleicht weniger Zeit damit verbringen, jeden einzelnen Datenpunkt zu analysieren. Wichtiger ist die Richtung.
Wie entwickelt sich die Wirtschaft über mehrere Monate? Wie robust bleibt der Arbeitsmarkt? Wie stark investieren Unternehmen? Wie entwickelt sich die Kreditvergabe? Und vor allem: Wie viel Geld schafft die Zentralbank?
Genau darauf scheint Warsh schauen zu wollen.
Seine erste große Botschaft nach der Zinserhöhung könnte deshalb wichtiger sein als der Zinsschritt selbst.
Nicht jeder neue Datenpunkt verändert die Welt. Trends zählen.
Und eine Notenbank, die nicht so tut, als könne sie jede Wendung der Wirtschaft im Voraus kennen, könnte am Ende genau das sein, was die Märkte derzeit brauchen.
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