Lagardes erstes Jahr in der EZB: Eine Taube, ein Falke, eine Eule? Sie mag alle drei verkörpern und wird den EUR/USD bewegen


  • EZB-Präsidentin Lagarde könnte das Jahr mit kluger Umsicht beginnen.
  • Der deutsche Impuls könnte ihr erlauben, eine hawkish Haltung einzunehmen.
  • Die strategische Überprüfung könnte Ende des Jahres in einer dovish Wendung enden.

"Ich bin weder eine Taube noch ein Falke, denn mein Anspruch ist es eine Eule zu sein" - Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, auf ihrer ersten Pressekonferenz im Dezember 2019. Eine Eule wird mit Weisheit assoziiert, fügte sie schnell hinzu, aber welch kluge Politik wird Lagarde im Jahr 2020 betreiben? Das ist für viele Investoren eine der wichtigsten Fragen.

Sie könnte alle drei verkörpern, je nachdem in welcher Phase des Jahres wir uns befinden.

Erster Akt - Die kluge Eule

Lagarde ist eine ausgebildete Juristin und trotz ihrer großen Erfahrung an der Spitze des Internationalen Währungsfonds und des französischen Finanzministeriums eine Außenseiterin in der Frankfurter Institution. Nach ihrem Amtsantritt Anfang November 2019 hat sie sich verpflichtet, zu lernen, und dieser Zeitraum kann sich bis in die ersten Monate des Jahres 2020 erstrecken.

Von ihrem Vorgänger Mario Draghi hat sie eine schwere Aufgabe übernommen – dieser glänzte sowohl durch die Rettung des Euro in seiner dunkelsten Stunde als auch durch weitere Impulse bereits im September. Er senkte den Einlagenzinssatz auf -0,50 % und das Anleihekaufprogramm wurde wieder aufgenommen - seitdem werden jeden Monat 20 Milliarden Euro an Anleihen gekauft. Damit ließ er seiner Nachfolgerin Zeit, sich in die Thematik einzuarbeiten, bevor sie sich selbst einen Namen macht.

Darüber hinaus wäre es auch politisch klug, das Boot nicht zum Schwanken zu bringen - Draghis Aktion löste Kontroversen aus, und indem sie es unterlässt die Politik der EZB zu ändern, könnte es der Eule Lagarde gelingen, die Kluft zwischen den nördlichen Falken und den südlichen Tauben zu schließen.

Außerdem kann die neue Präsidentin durch den Verzicht auf weitere Anreize die Gefahr neuer Maßnahmen intakt halten. Die zur Verfügung stehenden Instrumente sind begrenzt. Abgesehen von dem negativen Zinssatz nähert sich die Bank den selbst auferlegten Kapitalobergrenzen, und das Erreichen ihrer Grenzen würde zeigen, dass die EZB ihren Handlungspielraum vollständig ausgeschöpft hat. Die Aufhebung der Obergrenzen und der freie Kauf von Anleihen verschuldeter Länder wäre ebenfalls umstritten.

Insgesamt wäre es wohl klüger und "eulenhafter", die Bedrohung in Frage zu stellen, als sie zu erkennen.

Die Möglichkeit weiterer Impulse könnte den Druck auf den Euro erhöhen und die Inflation anheizen. Der EUR/USD dürfte in dieser Phase nicht steigen.

Zweiter Akt - Hawkish Dank Deutschland

Das Wachstum in der Eurozone war 2019 schleppend und wird voraussichtlich auch 2020 ungenügend bleiben. Eine Belebung der Wirtschaftstätigkeit könnte den Euro nach oben treiben und positive Kommentare von Lagarde mit sich bringen.

Was könnte die Volkswirtschaften des alten Kontinents ankurbeln? Externe Faktoren wie die weltweite Konjunkturabschwächung und Brexit sind ein Belastungsfaktor, und geringere Spannungen könnten helfen die Wirtschaft anzuregen.

Die bedeutendste Entwicklung wäre, wenn Deutschland die Führung übernimmt und fiskalische Anreize ergreift. Bislang hat Bundeskanzlerin Angela Merkel, trotz einer wesentlichen Verlangsamung, an ihrer rigiden Überschusspolitik festgehalten. Das könnte sich ändern, wenn die Forderung nach einem Ende des Sparkurses nicht nur von der EZB, sondern auch von der SPD steigt. Die neue Führung des Junior-Koalitionspartners will höhere Ausgaben. Außerdem fürchten sowohl die CDU als auch die SPD eine stärker werdende Rolle der Grünen.

Die Regierung könnte sich deshalb für eine Version eines "Green New Deal" entscheiden, um der Umwelt zu helfen, politische Kritik abzuwehren und die Wirtschaft anzuspornen. Und das würde den Euro von sich aus schon nach oben treiben.

In Frankfurt könnte Lagarde einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen, während Berlin einen Schritt in die richtige Richtung macht. Die geldpolitischen Stimulierungsmaßnahmen könnten zurückgefahren werden, während die Regierungen die Zügel in die Hand nehmen.

Ein schnelleres Wirtschaftswachstum würde es der EZB erlauben, Zinserhöhungen in Aussicht zu stellen, was die Gemeinschaftswährung weiter nach oben treiben würde. Lagarde könnte problemlos zu einem Falken mutieren - aber das ist von Merkel abhängig.

Dritter Akt - Eine strategische Taube

Lagardes einzige Ankündigung - wenn auch keine marktbewegende - war der Beginn einer strategischen Überprüfung der Geldpolitik. Die Arbeit soll im Januar beginnen und vor Jahresende abgeschlossen sein. Dies könnte dazu führen, dass die Zielvorgabe der Bank für "Inflationsraten von unter, aber nahe 2%" geändert wird. Während 2% der "heilige Gral" der Zentralbanken weltweit ist, ist das Ziel der EZB, "unter" 2% zu liegen, etwas mehr hawkish.

Eurozone Verbraucherpreisindex

Eurozone Kern-Verbraucherpreisindex (YoY)

Die Überprüfung kann zu einer neuen Vision führen. Eine Möglichkeit ist, dass sich die Frankfurter Institution mit einem Ziel von "rund 2%" begnügt. Ein flexibleres Ziel würde es ermöglichen, dass sich die Preise über 2% bewegen, ohne eine strengere Politik auszulösen. Die Folge ist ein niedrigerer Kurs des Euro bereits zum Zeitpunkt der Ankündigung - da dies die Messlatte für die Anhebung der Zinsen nach oben verlagert und einer eher dovish Haltung entspricht.

Wird Lagardes Überprüfung sie zu einer noch größeren Taube machen?

Eine gewagtere Maßnahme wäre es, eine durchschnittliche Inflation von 2% über einen Zeitraum von mehreren Jahren zuzulassen. Der Unterschied besteht darin, dass die Bank für einige Zeit eine höhere Inflation zulassen würde - um die vorhergehende niedrige Inflation auszugleichen. Deutsche und andere Mitglieder des Nordens werden einen solchen Schritt wahrscheinlich heftig kritisieren, aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es dazu kommt. Eine solche dovish Verschiebung könnte den EUR/USD weiter nach unten befördern.

Fazit

Lagarde könnte das Jahr beginnen, indem sie eine weise Eule ist, während sie nichts weiter unternimmt und der EUR/USD fällt. Dann wird sie vielleicht hawkish werden und eine strengere Politik anregen - aber das hängt von den Anreizen Deutschlands ab. Schließlich könnte die Chefin der Zentralbank die Gemeinschaftswährung nach unten schicken, indem sie sich auf ein lockereres Ziel festlegt.

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