Der Goldpreis steht vor einem ungewöhnlichen Problem. Die Zinsen steigen, die US-Notenbank Fed könnte ihre Geldpolitik weiter straffen und dennoch hält Bernstein einen deutlichen Preisanstieg bis 2030 für möglich. Zwar hat das Analysehaus seine langfristige Goldpreis-Prognose von 6.100 auf 5.600 US-Dollar je Feinunze gesenkt. An der grundsätzlich optimistischen Einschätzung ändert das jedoch wenig.
Bemerkenswert ist vor allem die Begründung. Gold widersetzt sich derzeit einem Zusammenhang, der über Jahrzehnte als wichtige Orientierung für Anleger galt: Steigen die Realzinsen, gerät das Edelmetall normalerweise unter Druck.
Doch genau das ist zuletzt nicht passiert. Selbst nach der jüngsten Zinserhöhung der Fed blieb der Goldpreis stabil. Bernstein-Analyst Bob Brackett sieht darin einen Hinweis darauf, dass Gold auch in einem Umfeld langsam steigender Realzinsen weiter zulegen kann.
Was steckt dahinter? Und warum könnten ausgerechnet die Zentralbanken dafür sorgen, dass der Goldpreis langfristig weiter steigt?
Goldpreis-Prognose: Warum Bernstein sein Kursziel senkt
Die Geldpolitik hat sich innerhalb weniger Monate deutlich verändert. Zu Jahresbeginn rechneten die Märkte noch mit ein bis zwei Zinssenkungen. Inzwischen werden bis 2027 zwei bis drei Zinserhöhungen erwartet.
Auch die Realzinsen haben entsprechend angezogen. Anfang März lagen sie noch bei rund 1,7 %, mittlerweile sind es etwa 2,7 %.
Für Gold ist das normalerweise keine gute Nachricht. Das Edelmetall wirft schließlich weder Zinsen noch Dividenden ab. Steigen die realen Renditen von Anleihen, werden diese im Vergleich zu Gold attraktiver. Anleger können dann höhere Erträge erzielen, ohne auf steigende Goldpreise angewiesen zu sein.
Genau dieser Zusammenhang erklärt, warum Gold und Realzinsen in der Vergangenheit häufig in entgegengesetzte Richtungen gelaufen sind.
Bernstein reagiert auf das veränderte Zinsumfeld und reduziert seine Goldpreis-Prognose für 2030 um 500 US-Dollar auf 5.600 US-Dollar je Feinunze.
Doch der Analyst sieht keinen Grund, seine positive Grundeinschätzung aufzugeben. Denn der Goldmarkt verhält sich derzeit anders, als es die klassischen Zusammenhänge erwarten lassen.
Ein Blick auf die Gold-ETFs zeigt, warum.
Die Bestände der börsengehandelten Goldfonds sind in diesem Jahr weitgehend unverändert geblieben. Anleger haben ihre Positionen also insgesamt nicht in größerem Umfang abgebaut, obwohl die Realzinsen deutlich gestiegen sind.
Auch die jüngste Zinserhöhung der Fed konnte dem Goldpreis bislang wenig anhaben.
Brackett zieht daraus einen interessanten Schluss: Gold könne „bei langsam steigenden Realzinsen zulegen - und genau auf diesem Weg scheinen wir uns derzeit zu befinden“.
Das ist keineswegs beispiellos. Bereits zwischen 2023 und 2025 bewies das Edelmetall eine ähnliche Widerstandsfähigkeit gegenüber steigenden Realzinsen.
Für Anleger bedeutet das: Wer seine Goldpreis-Prognose ausschließlich von der nächsten Zinsentscheidung der Fed abhängig macht, könnte einen wichtigen Teil der Entwicklung übersehen.
Denn die entscheidende Nachfrage kommt zunehmend von einer ganz anderen Seite.
Zentralbanken: Warum der Goldpreis weiter steigen könnte
Bernstein sieht die Zentralbanken als wichtigsten strukturellen Treiber für den Goldpreis. Viele Notenbanken wollen ihre Währungsreserven breiter aufstellen und ihre Abhängigkeit vom US-Dollar sowie anderen Währungen der G7-Staaten verringern.
Gold spielt dabei eine wichtige Rolle.
Im Gegensatz zu klassischen Währungsreserven ist das Edelmetall nicht unmittelbar an eine einzelne Landeswährung gebunden. Für Zentralbanken bietet es damit eine zusätzliche Möglichkeit, ihre Reserven zu diversifizieren.
Und genau dieser Prozess ist laut Bernstein noch längst nicht abgeschlossen.
„Wir glauben weiterhin, dass die Zentralbanken mit der Diversifizierung ihrer Reserven weg vom US-Dollar und anderen G7-Währungen hin zu Gold noch nicht fertig sind“, schrieb Brackett.
Besonders interessant ist dabei ein Blick auf China, Japan und Saudi-Arabien.
Alle drei Länder gehören zu den großen Reservehaltern, halten laut Bernstein aber jeweils weniger als 10 % ihrer Währungsreserven in Gold.
Hier könnte also noch erhebliches Potenzial schlummern.
Sollten diese Staaten ihren Goldanteil in den kommenden Jahren erhöhen, würde zusätzliche Nachfrage entstehen. Wie groß diese ausfällt, hängt allerdings davon ab, ob und in welchem Tempo die Zentralbanken ihre Reserven tatsächlich umschichten.
Das unterscheidet die Entwicklung auch von der klassischen Nachfrage privater Anleger.
Während diese häufig auf kurzfristige Veränderungen bei Zinsen, Inflation oder Konjunktur reagieren, können Zentralbanken ihre Reservestruktur über einen längeren Zeitraum verändern.
Für Bernstein liegt genau darin ein wesentlicher Grund, warum der Goldpreis trotz steigender Realzinsen weiter zulegen könnte.
Doch auch diese Entwicklung ist kein Selbstläufer.
Diese Risiken könnten den Goldpreis unter Druck setzen
Das größte Risiko sieht Brackett ausgerechnet bei den Zentralbanken selbst.
Sollten sie ihre Goldkäufe deutlich reduzieren, würde der wichtigste strukturelle Nachfragefaktor an Stärke verlieren. Da Bernstein seine langfristig positive Einschätzung wesentlich auf diese Käufe stützt, wäre eine solche Entwicklung besonders problematisch.
Hinzu kommt die Inflation.
Anhaltend hohe Preise für Diesel und andere raffinierte Erdölprodukte könnten den Preisdruck erneut verstärken. In diesem Fall müssten die Märkte möglicherweise mit weiteren Zinserhöhungen rechnen.
Das würde den Goldpreis gleich doppelt herausfordern: Die ohnehin gestiegenen Realzinsen könnten weiter zulegen, während verzinsliche Anlagen gegenüber Gold an Attraktivität gewinnen würden.
Brackett verweist außerdem auf ein politisches Risiko in den USA.
Sollte US-Präsident Donald Trump bei den Zwischenwahlen seine Mehrheit im Kongress verlieren, könnte dies nach Einschätzung des Analysten die Nachfrage nach Gold als sicherem Hafen verringern.
Ob es tatsächlich zu einem solchen Ausgang kommt und wie stark der Goldmarkt darauf reagieren würde, bleibt offen.
Entscheidend ist deshalb, die verschiedenen Einflussfaktoren nicht isoliert zu betrachten. Eine weiterhin hohe Nachfrage der Zentralbanken könnte den Gegenwind durch steigende Zinsen abfedern. Sollte diese Nachfrage jedoch nachlassen und gleichzeitig der Inflationsdruck zunehmen, könnte sich die Ausgangslage für Gold deutlich verschlechtern.
Goldpreis bis 2030: Sind 5.600 Dollar weiterhin möglich?
Bernsteins neue Prognose ist auf den ersten Blick eine Enttäuschung. Statt 6.100 US-Dollar erwartet das Analysehaus für 2030 nur noch einen Goldpreis von 5.600 US-Dollar je Feinunze.
Doch hinter der Korrektur steckt keine grundsätzliche Abkehr von Gold. Vielmehr berücksichtigt Brackett das veränderte Zinsumfeld, ohne die langfristigen Nachfragefaktoren infrage zu stellen.
Die jüngste Entwicklung liefert ihm dafür Argumente. Obwohl die Realzinsen seit Anfang März von 1,7 auf rund 2,7 % gestiegen sind, haben sich die Gold-ETF-Bestände kaum verändert. Auch die Zinserhöhung der Fed hat bislang keinen größeren Rückschlag ausgelöst.
Der entscheidende Faktor bleibt jedoch die Nachfrage der Zentralbanken. Solange große Reservehalter ihre Bestände weiter diversifizieren und dabei verstärkt auf Gold setzen, könnte das Edelmetall auch mit langsam steigenden Realzinsen zurechtkommen.
Für Anleger lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Goldkäufe der Notenbanken. Eine deutliche Abschwächung wäre ein wichtiges Warnsignal für die langfristige Goldpreis-Prognose.
Bernstein bleibt vorerst optimistisch. Die Analysten rechnen trotz höherer Zinserwartungen weiterhin mit einem Goldpreis von 5.600 US-Dollar bis 2030.
Die eigentliche Frage ist damit nicht mehr nur, wie oft die Fed ihre Zinsen anheben wird. Viel entscheidender könnte sein, wie viel Gold die Zentralbanken in den kommenden Jahren noch kaufen.
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