Der Silberpreis hat in kurzer Zeit kräftig zugelegt – und plötzlich steht eine Marke im Raum, die vor wenigen Monaten noch fast absurd geklungen hätte: 100 US-Dollar je Unze. Der Auslöser kommt diesmal nicht aus der Industrie oder von den Minen, sondern vom US-Anleihemarkt.
Das US-Finanzministerium will seine Rückkäufe länger laufender Staatsanleihen ausweiten. Die Renditen am Bondmarkt gerieten daraufhin ebenso unter Druck wie der US-Dollar. Für Silber ist das nahezu die ideale Kombination. Gleichzeitig trifft dieser neue monetäre Rückenwind auf einen Markt, der ohnehin seit Jahren mit zu wenig Angebot kämpft.
Genau darin liegt die Brisanz. Der Silberpreis wird derzeit nicht nur von Spekulation und einem schwächeren Dollar getragen. Hinter der Rally steckt auch ein strukturelles Problem, das sich nicht kurzfristig lösen lässt.
Die Frage ist deshalb nicht mehr nur, ob Silber weiter steigen kann. Entscheidend ist vielmehr: Reicht diese Mischung aus fallenden Renditen, schwachem Dollar und knappem Angebot tatsächlich für den Sprung auf 100 US-Dollar?

Warum der US-Dollar den Silberpreis jetzt antreibt
Der jüngste Schub beim Silberpreis hängt eng mit den Entwicklungen am US-Anleihemarkt zusammen. Die Pläne des US-Finanzministeriums, die Rückkäufe länger laufender Schuldtitel auszuweiten, haben sowohl die Anleiherenditen als auch den Dollar deutlich nach unten gedrückt.
Für Edelmetalle ist das grundsätzlich positiv.
Gold und Silber werfen selbst keine Zinsen ab. Steigen die realen Renditen am Anleihemarkt, werden verzinste Anlagen im Vergleich attraktiver. Fallen die Renditen dagegen, nimmt dieser Nachteil ab. Gleichzeitig macht ein schwächerer Dollar Silber für Käufer außerhalb der USA günstiger.
Genau deshalb gewinnt derzeit auch wieder der sogenannte „Debasement Trade“ an Bedeutung. Dahinter steckt die Erwartung, dass Anleger angesichts hoher Staatsverschuldung und möglicher Währungsabwertung verstärkt auf reale Vermögenswerte ausweichen.
Gold ist dabei normalerweise die erste Adresse. Doch Silber hat einen entscheidenden Unterschied: Es ist nicht nur Edelmetall, sondern zugleich ein wichtiger Industrierohstoff.
Und genau das könnte die Bewegung diesmal besonders interessant machen.
Bei Silber fehlt seit Jahren schlicht das Angebot
Denn der monetäre Rückenwind trifft auf einen Markt, der bereits strukturell angespannt ist.
Der Silbermarkt steuert auf das sechste Jahr in Folge mit einem Angebotsdefizit zu. Für den aktuellen Zeitraum wird die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auf rund 46 bis 67 Mio. Unzen geschätzt.
Das ist für Anleger entscheidend. Denn während die Nachfrage hoch bleibt, kommt von der Angebotsseite kaum Entlastung.
Die Minenproduktion entwickelt sich weitgehend seitwärts. Gleichzeitig bleibt der Bedarf aus wichtigen Industriezweigen hoch. Silber wird unter anderem in grünen Technologien, Elektronik und Solaranwendungen eingesetzt.
Dazu kommen weitere Engpässe.
Die registrierten Silberbestände an der COMEX bleiben knapp, China beschränkt Exporte und gleichzeitig sorgen Störungen im internationalen Bergbau dafür, dass zusätzliches Material nicht ohne Weiteres auf den Markt kommt.
Der Silberpreis steht damit auf einem fundamental deutlich festeren Fundament, als es eine reine Spekulationsrally vermuten lassen würde.
Solar und Elektronik machen Silber zum Sonderfall
Genau hier unterscheidet sich Silber auch von vielen anderen Edelmetallen.
Die Nachfrage hängt nicht ausschließlich davon ab, ob Investoren gerade Angst vor Inflation, einem schwachen Dollar oder geopolitischen Risiken haben. Ein erheblicher Teil des Verbrauchs kommt aus der Industrie.
Besonders die Solarindustrie spielt dabei eine wichtige Rolle. Silber wird wegen seiner hohen Leitfähigkeit in Photovoltaikanwendungen benötigt. Hinzu kommen zahlreiche Anwendungen in der Elektronik und anderen Bereichen der grünen Technologie.
Das sorgt für eine ungewöhnliche Konstellation.
Auf der einen Seite profitiert Silber von denselben makroökonomischen Faktoren wie Gold. Auf der anderen Seite konkurrieren Anleger mit industriellen Abnehmern um ein physisches Angebot, das ohnehin knapp ist.
Sollten nun zusätzlich größere Investmentzuflüsse in den Markt kommen, könnte genau diese Kombination den Preis besonders stark bewegen.
Silberpreis technisch stark – aber die Rally wird heiß
Auch charttechnisch spricht kurzfristig vieles für die Käufer.
Der Relative Strength Index, kurz RSI, bewegt sich weiter nach oben und nähert sich dem überkauften Bereich. Das zeigt zunächst einmal, wie stark das Momentum derzeit ist.
Es ist allerdings auch ein Warnsignal.
Denn der Silberpreis hat innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums bereits mehr als 15 bis 20 % zugelegt. Nach einer solchen Bewegung steigt die Wahrscheinlichkeit von Gewinnmitnahmen.
Genau deshalb wäre es ein Fehler, die 100-Dollar-Marke jetzt einfach als zwangsläufiges Kursziel anzusehen.
Silber hat Rückenwind. Aber um die Rally auf diesem Niveau fortzusetzen, braucht der Markt weiterhin Unterstützung von den Faktoren, die den jüngsten Anstieg überhaupt erst ermöglicht haben.
Und damit geht der Blick wieder in Richtung US-Anleihemarkt.
So könnte der Silberpreis tatsächlich über 100 Dollar steigen
Für das bullische Szenario müssen mehrere Dinge gleichzeitig passieren.
Die realen Renditen müssten weiter sinken. Der US-Dollar müsste schwach bleiben. Gleichzeitig müssten zusätzliche Anlegergelder in Silber fließen und damit auf einen physischen Markt treffen, der bereits unter einem Angebotsdefizit leidet.
Genau dann könnte die Bewegung eine neue Dynamik entwickeln.
Denn zusätzliche Investmentnachfrage lässt sich nicht beliebig durch eine höhere Produktion auffangen. Die Minen können ihre Förderung nicht von heute auf morgen hochfahren. Wenn gleichzeitig die Industrie weiter große Mengen benötigt, konkurrieren verschiedene Käufergruppen um dasselbe knappe Angebot.
Unter diesen Voraussetzungen wäre ein weiterer Anstieg des Silberpreises in Richtung höherer Mehrmonatshochs möglich.
Und dann würde die psychologisch enorm wichtige Marke von 100 US-Dollar tatsächlich in Reichweite kommen.
Dass inzwischen immer häufiger über dieses Niveau gesprochen wird, hat deshalb weniger mit einer magischen Zahl zu tun als mit der außergewöhnlichen Kombination aus Geldpolitik, Währungseffekt und physischer Knappheit.
Die 100 Dollar sind trotzdem noch keine ausgemachte Sache
Genau an dieser Stelle sollten Anleger jedoch vorsichtig werden.
Der Silberpreis hat bereits einen erheblichen Teil seiner Bewegung hinter sich. Je schneller ein Markt steigt, desto größer wird auch die Versuchung, Gewinne mitzunehmen.
Zudem hängt die weitere Entwicklung stark von den kommenden Signalen der Notenbanken ab. Veranstaltungen wie das Jackson-Hole-Symposium könnten deshalb deutlich mehr Einfluss auf den Silberpreis haben, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Der Grund ist einfach: Entscheidend bleibt, ob sich der Druck auf die Renditen fortsetzt.
Sollten die Renditen weiter sinken und der Dollar schwach bleiben, würde eines der stärksten Argumente für die Silber-Rally bestehen bleiben.
Stabilisieren sich die Renditen dagegen oder drehen wieder nach oben, dürfte der Gegenwind schnell zunehmen.
In einem neutraleren Szenario könnte sich Silber deshalb zunächst in einer breiteren Spanne rund um 65 US-Dollar bewegen. Die physische Knappheit würde den Markt weiterhin unterstützen, während Gewinnmitnahmen, zunehmendes Recycling und eine vorsichtige Geldpolitik größere Kurssprünge begrenzen könnten.
Das wäre kein Zusammenbruch der Silber-Story. Es wäre vielmehr eine Phase, in der der Markt einen Teil der starken Bewegung verdaut.
Was den Silberpreis wieder auf 50 bis 60 Dollar drücken könnte
So spannend das bullische Szenario aussieht: Auch die Gegenseite sollte nicht unterschätzt werden.
Das größte Risiko wäre eine deutliche Trendwende am Anleihemarkt.
Sollten die realen Renditen wieder stärker steigen, würde Silber als unverzinslicher Vermögenswert relativ an Attraktivität verlieren. Kommt gleichzeitig ein stärkerer US-Dollar hinzu, wäre der Gegenwind noch größer.
Ein zweites Risiko liegt ausgerechnet in jener Eigenschaft, die Silber derzeit unterstützt: seiner industriellen Bedeutung.
Sollte sich die Weltwirtschaft deutlich abschwächen, könnte auch die industrielle Silbernachfrage leiden. Weniger Bedarf aus Industrie und Technologie würde einen wichtigen Teil der aktuellen fundamentalen Unterstützung abschwächen.
In einem solchen Szenario wäre ein Rückgang des Silberpreises in den Bereich von 50 bis 60 US-Dollar möglich. Dort könnten dann auch wichtige gleitende Durchschnitte wieder stärker in den Mittelpunkt rücken.
Mein Fazit: Beim Silberpreis entscheidet sich jetzt, wie groß diese Rally wirklich werden kann
Beim Silberpreis kommt derzeit eine seltene Mischung zusammen.
Die Renditen am US-Anleihemarkt fallen, der Dollar steht unter Druck und gleichzeitig kämpft der Silbermarkt bereits das sechste Jahr in Folge mit einem strukturellen Angebotsdefizit. Dazu bleibt die Nachfrage aus Solarindustrie, Elektronik und grünen Technologien hoch, während die Minenproduktion kaum wächst.
Das ist ein starkes Fundament.
Aber ein Silberpreis von 100 US-Dollar ist noch lange kein Selbstläufer.
Damit diese Marke tatsächlich fällt, müsste der Rückenwind vom Anleihemarkt anhalten. Die realen Renditen müssten weiter nachgeben, der Dollar schwach bleiben und zusätzliche Anlegergelder müssten das ohnehin knappe physische Angebot weiter unter Druck setzen.
Genau dann könnte es spannend werden.
Dreht der Bondmarkt dagegen wieder, könnte die Rally schnell an Kraft verlieren. Dann wären statt 100 US-Dollar plötzlich wieder Kurse zwischen 50 und 60 US-Dollar ein realistisches Szenario.
Für Anleger ist deshalb weniger die runde 100-Dollar-Marke entscheidend als die Entwicklung dahinter. Solange Renditen, Dollar und physisches Angebot gemeinsam in dieselbe Richtung wirken, bleibt der Silberpreis gefährlich stark. Dreht nur einer dieser Faktoren deutlich, könnte aus der Euphorie allerdings ebenso schnell eine kräftige Korrektur werden.
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Das sollten Sie am Dienstag, den 25. August, im Blick behalten:
Der US-Dollar bleibt am frühen Dienstag gegenüber seinen wichtigsten Rivalen widerstandsfähig, nachdem er am Montag leichte Kursgewinne verbucht hatte. Die Marktteilnehmer erwarten mittlere Datenveröffentlichungen aus den USA, darunter den Consumer Confidence Index des Conference Board für August und die Neubauverkäufe für Juli, während sie die Schlagzeilen rund um die Krise im Nahen Osten genau im Auge behalten.