Südkorea-Aktien haben in den vergangenen Monaten einen heftigen Absturz erlebt. Der Kospi liegt inzwischen mehr als 35 % unter seinem Hoch aus dem Juni. Goldman Sachs reagiert darauf und senkt das 12-Monats-Ziel für den Leitindex deutlich von 12.000 auf 9.000 Punkte.
Das klingt erst einmal nach einer schlechten Nachricht.
Ist es aber nur auf den ersten Blick.
Denn trotz der Kürzung sieht Goldman Sachs für Südkorea-Aktien vom aktuellen Niveau aus noch immer ein Potenzial von mehr als 60 %. Das zeigt, wie stark die Kurse inzwischen gefallen sind - und wie günstig der Markt nach Einschätzung der Strategen mittlerweile bewertet ist.
Genau darin liegt jetzt die spannende Frage: Ist der Absturz bei Südkorea-Aktien bereits übertrieben?
Warum Goldman Sachs vorsichtiger wird
Die Strategen um Timothy Moe hatten ihr Kursziel für den Kospi erst im Juni angehoben. Selbst als globale Technologieaktien wegen zunehmender Sorgen über die hohen KI-Investitionen unter Druck gerieten, blieb Goldman zunächst optimistisch.
Inzwischen hat sich die Lage allerdings deutlich verschärft.
Vor allem die Zweifel an den gigantischen Summen, die weltweit in künstliche Intelligenz und die dafür notwendige Infrastruktur gesteckt werden, belasten die Stimmung.
Und genau das trifft Südkorea besonders hart.
Der Aktienmarkt des Landes ist stark von Samsung Electronics und SK Hynix geprägt. Beide Unternehmen gehören zu den weltweit wichtigsten Herstellern von Speicherchips und haben in den vergangenen Jahren massiv von der steigenden Nachfrage nach KI-Infrastruktur profitiert.
Damit ist der Kospi längst nicht mehr nur ein Barometer für die südkoreanische Wirtschaft.
Er ist gleichzeitig ein ziemlich direkter Gradmesser dafür, wie Anleger den KI-Boom und die Halbleiterbranche einschätzen.
Wenn die Euphorie steigt, profitieren Südkorea-Aktien überproportional.
Wenn Zweifel aufkommen, gilt leider dasselbe in die andere Richtung.
Genau hier liegt das Problem bei Südkorea-Aktien
Die Sorgen der Anleger sind durchaus nachvollziehbar.
Die Finanzierungskosten steigen, Unternehmen investieren riesige Summen in neue Infrastruktur und gleichzeitig ist noch längst nicht geklärt, welche Renditen diese Ausgaben langfristig tatsächlich abwerfen.
Diese Mischung hat zuletzt zu einer breiten Verkaufswelle bei koreanischen Aktien geführt.
Goldman Sachs hält den Pessimismus inzwischen allerdings für überzogen.
Nach Einschätzung der Strategen preist der Markt mittlerweile ein Szenario ein, das bei den fundamentalen Aussichten der Unternehmen deutlich zu negativ ausfallen könnte.
Und ein Blick auf die Bewertung zeigt, warum die Bank zu diesem Schluss kommt.
Der Kospi wird auf Basis der erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate inzwischen nur noch mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa vier gehandelt.
Das ist extrem niedrig.
Laut Goldman Sachs wurde ein solches Bewertungsniveau seit 2006 in keinem von 18 großen untersuchten Aktienmärkten erreicht.
Noch deutlicher wird die Dimension im direkten Vergleich.
Koreanische Aktien werden derzeit ungefähr mit der Hälfte der Bewertung indonesischer Aktien gehandelt.
Der jüngste Ausverkauf hat also Spuren hinterlassen.
Der Markt rechnet mit einem echten Horror-Szenario
Besonders spannend wird es bei den Halbleiterwerten.
Nach Berechnungen von Goldman Sachs implizieren die aktuellen Bewertungen, dass die Gewinne des Sektors im Jahr 2027 um rund 65 % einbrechen.
65 %.
Das wäre kein normaler Abschwung mehr, sondern ein massiver Gewinneinbruch.
Genau dieses Szenario halten die Strategen für zu pessimistisch.
Und hier liegt aus meiner Sicht der wichtigste Punkt für Anleger.
Damit Südkorea-Aktien von hier aus steigen können, müsste die Geschäftsentwicklung nicht einmal außergewöhnlich gut ausfallen.
Es könnte bereits reichen, wenn sie weniger schlecht wird, als der Markt momentan erwartet.
Wenn Anleger heute einen Gewinneinbruch von 65 % einpreisen und dieser am Ende deutlich geringer ausfällt, wäre die aktuelle Bewertung womöglich schlicht zu niedrig.
Das erklärt auch, warum Goldman Sachs trotz der deutlichen Kürzung seines Kursziels noch immer mehr als 60 % Aufwärtspotenzial sieht.
Nicht nur Samsung und SK Hynix sind billig
Wer bei Südkorea-Aktien ausschließlich an Samsung Electronics und SK Hynix denkt, übersieht allerdings einen wichtigen Teil des Marktes.
Rund die Hälfte des Kospi entfällt auf Unternehmen außerhalb des Speicherchip-Sektors.
Diese Aktien werden im Durchschnitt mit dem 7,6-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt.
Auch das ist eine niedrige Bewertung.
Der Ausverkauf beschränkt sich also längst nicht mehr nur auf die Halbleiterbranche.
Und genau das kann interessant werden.
Denn wenn Anleger einen gesamten Markt abverkaufen, geraten häufig auch Unternehmen unter Druck, deren Geschäft mit dem ursprünglichen Auslöser der Verkaufswelle nur begrenzt zu tun hat.
Goldman Sachs sieht deshalb weiterhin Chancen in mehreren Bereichen des südkoreanischen Aktienmarktes.
Dazu gehören Unternehmen aus der Energieversorgung und der Industrie.
Auch Aktien, die von Verbesserungen bei der Unternehmensführung profitieren könnten, bleiben für die Strategen interessant.
Hinzu kommen Unternehmen, die von einer Erholung der heimischen Wirtschaft profitieren könnten.
Und selbst die international erfolgreiche koreanische Popkultur spielt bei der Auswahl möglicher Gewinner weiterhin eine Rolle.
Goldman setzt also nicht darauf, dass allein Samsung Electronics und SK Hynix den gesamten Markt wieder nach oben ziehen müssen.
Südkorea-Aktien: Jetzt Schnäppchen oder weiter zu riskant?
Die Ausgangslage ist ungewöhnlich.
Auf der einen Seite hat Goldman Sachs sein Kursziel für den Kospi um 25 % gesenkt.
Auf der anderen Seite liegt selbst dieses deutlich niedrigere Ziel immer noch mehr als 60 % über dem aktuellen Niveau.
Das sagt vor allem eines über Südkorea-Aktien aus: Die Bewertung ist in kurzer Zeit massiv gefallen.
Damit entsteht jetzt ein klassischer Konflikt zwischen Bewertung und Stimmung.
Fundamental befürchten Anleger einen deutlichen Einbruch bei den Halbleitergewinnen, steigende Finanzierungskosten und womöglich enttäuschende Renditen auf die enormen KI-Investitionen.
Die Kurse spiegeln inzwischen allerdings einen erheblichen Teil dieser Sorgen wider.
Vor allem die Bewertung des Halbleitersektors zeigt, wie negativ der Markt aktuell denkt.
Sollten die Gewinne 2027 tatsächlich um 65 % einbrechen, wären die Sorgen berechtigt.
Sollte es dagegen weniger schlimm kommen, könnte die Rechnung schnell anders aussehen.
Genau deshalb bleibt Goldman Sachs trotz der gesenkten Prognose vergleichsweise optimistisch.
Für Anleger heißt das nicht, dass der Boden bei Südkorea-Aktien bereits erreicht sein muss.
Es zeigt aber, dass der Markt inzwischen an einem Punkt angekommen ist, an dem schlechte Nachrichten bereits sehr stark eingepreist sind.
Und genau solche Situationen können interessant werden.
Nicht weil plötzlich alle Risiken verschwunden sind.
Sondern weil irgendwann die entscheidende Frage nicht mehr lautet, ob alles perfekt läuft.
Sondern nur noch, ob es tatsächlich so schlimm kommt, wie der Markt bereits erwartet.
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