Goldpreis zwischen Absturzgefahr und 5.000-Dollar-Prognose
|Der Goldpreis bekommt plötzlich wieder Gegenwind. Nach den neuesten Inflationsdaten aus den USA ist die Hoffnung auf eine schnelle Entspannung bei den Zinsen erst einmal dahin. Die Verbraucherpreise sind im September stärker gestiegen als von der Wall Street erhofft, die Renditen amerikanischer Staatsanleihen schossen nach oben und auch der Dollar legte zu. Für Gold ist das eine denkbar schlechte Kombination.
Besonders brisant: Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung der US-Notenbank Fed bereits im Oktober ist binnen eines Tages von 22,1 auf 50 % gesprungen. Vor einer Woche lag sie sogar nur bei 17,7 %. Viele Anleger rechnen zwar weiterhin eher mit einem Zinsschritt im Dezember, doch die Botschaft ist klar: Die Fed ist plötzlich wieder voll im Spiel.
Genau das belastet den Goldpreis.
Die Inflation macht Gold einen Strich durch die Rechnung
Die Gesamtinflation stieg im September um 0,6 % gegenüber dem Vormonat. Das entsprach zwar den Erwartungen, lag aber über den 0,4 % aus dem August.
Auf Jahressicht sieht es unangenehmer aus. Die Inflationsrate beschleunigte sich von 3,4 auf 3,7 %. Erwartet worden waren lediglich 3,6 %.
Noch wichtiger für die Fed ist die Kerninflation, bei der schwankungsanfällige Komponenten herausgerechnet werden. Sie stieg im Monatsvergleich um 0,3 %, während Analysten nur mit 0,2 % gerechnet hatten. Auf Jahressicht erhöhte sich die Rate von 2,4 auf 2,6 %. Erwartet worden waren 2,5 %.
Für den Goldpreis ist das ein Problem.
Gold wirft selbst keine Zinsen ab. Steigen die Renditen von Staatsanleihen, werden verzinste Anlagen im Vergleich attraktiver. Gleichzeitig verteuert ein stärkerer Dollar das Edelmetall für Käufer außerhalb des Dollarraums.
Genau diese Kombination sehen wir jetzt.
Auch die Aussagen aus der Fed helfen Gold derzeit nicht weiter. John Williams, Präsident der Federal Reserve Bank of New York, hält eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr weiter für möglich.
„Ich habe meine Einschätzung nicht geändert, dass eine weitere Zinserhöhung angemessen sein könnte. Ich glaube derzeit allerdings nicht, dass wir danach noch mehr tun müssten“, sagte Williams.
Die Aussage klingt zunächst moderat. Der entscheidende Punkt ist aber: Eine weitere Zinserhöhung ist keineswegs vom Tisch.
Bereits heute folgen mit den US-Erzeugerpreisen die nächsten wichtigen Inflationsdaten. Analysten erwarten bei der Gesamtinflation 5,3 % und bei der Kernrate 4,4 %. Gleichzeitig werden die Einzelhandelsumsätze für September veröffentlicht. Hier wird mit einer Abschwächung des Konsums gerechnet.
Sollten auch diese Daten stärker ausfallen als erwartet, dürfte der Druck auf den Goldpreis hoch bleiben.
Öl könnte das nächste Problem werden
Zusätzliche Unsicherheit kommt vom Ölmarkt.
Iranische Regierungsvertreter haben eingeräumt, neue Taktiken gegen Schiffe in der Straße von Hormus einzusetzen, um die Ölpreise hochzuhalten.
Gleichzeitig haben die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen aus dem Jemen ihre Angriffe auf Saudi-Arabien ausgeweitet. Dabei wurde unter anderem ein Verwaltungsgebäude von Saudi Aramco in Dhahran getroffen. Außerdem wurden Raketen in Richtung Riad abgefeuert, die abgefangen werden konnten.
Die Folge: Die Ölpreise bleiben hoch.
Und damit entsteht für Gold ein interessantes Problem.
Normalerweise gelten geopolitische Spannungen als Unterstützung für den Goldpreis, weil Anleger in unsicheren Zeiten verstärkt sichere Häfen suchen. Gleichzeitig treiben höhere Ölpreise jedoch die Inflation an. Und eine höhere Inflation erhöht wiederum den Druck auf die Fed, die Zinsen länger hoch zu halten oder sogar noch einmal anzuheben.
Momentan scheint dieser Effekt schwerer zu wiegen.
Goldpreis: Jetzt wird es technisch richtig spannend
Der Goldpreis reagierte auf die Inflationsdaten unmittelbar mit Verlusten.
Bislang hält allerdings noch das Tief der vergangenen Woche bei 4.067,07 US-Dollar. Genau diese Marke wird jetzt wichtig.
Fällt sie, rückt zunächst das August-Tief bei 4.022,62 US-Dollar in den Fokus. Darunter wartet bereits die psychologisch wichtige Marke von 4.000 US-Dollar.
Das bisher bevorzugte Szenario war, dass das Jahrestief bei 3.945,52 US-Dollar hält. Nach den aktuellen Inflationsdaten ist diese Einschätzung allerdings deutlich weniger komfortabel als noch vor wenigen Tagen.
Anders gesagt: Der Goldpreis steht technisch an einem Punkt, an dem sich schnell entscheiden könnte, ob wir lediglich eine weitere Korrektur sehen oder ob daraus eine größere Abwärtsbewegung wird.
Auf der Oberseite liegt der erste Widerstand zwischen 4.105,77 und 4.107,08 US-Dollar.
Darüber wartet das Hoch aus dem Überseehandel bei 4.170,19 US-Dollar.
Die wirklich wichtige Hürde liegt jedoch höher. Zwischen 4.217,02 und 4.225,02 US-Dollar treffen die jüngsten Hochs auf den fallenden 20-Tage-Durchschnitt, der aktuell bei 4.210,15 US-Dollar verläuft.
Erst oberhalb dieser Zone würde sich das kurzfristige Bild beim Goldpreis wieder deutlich verbessern.
Während Gold fällt, reden Experten schon von 5.000 Dollar
Und genau hier wird es interessant.
Während der Goldpreis kurzfristig unter Druck steht, sind die langfristigen Erwartungen erstaunlich bullish.
Auf der LBMA-Konferenz im italienischen Sorrent prognostizierten die Teilnehmer in der vergangenen Woche für die kommenden zwölf Monate einen durchschnittlichen Goldpreis von rund 5.013 US-Dollar.
Das wären mehr als 20 % über dem aktuellen Niveau.
Hinter dieser Erwartung stehen keine kurzfristigen Chartmuster, sondern strukturelle Faktoren.
Die Sorgen über steigende Staatsschulden nehmen weltweit zu. Gleichzeitig sorgt die zunehmende geopolitische Fragmentierung dafür, dass Gold als neutraler Reservewert wichtiger wird.
Dazu kommt die anhaltend hohe Nachfrage der Zentralbanken.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel betonte auf der Konferenz, dass Gold einen wachsenden Anteil an den Reserven ausmacht und weiterhin eine wichtige Rolle bei der Diversifikation spielt.
Der entscheidende Vorteil: Gold kann nicht ausfallen und lässt sich im Gegensatz zu vielen anderen Vermögenswerten nur schwer politisch oder regulatorisch beschränken.
Genau deshalb bleibt das langfristige Argument für Gold intakt, auch wenn der Markt kurzfristig mit steigenden Zinsen kämpft.
Das ist derzeit der große Widerspruch beim Goldpreis.
Kurzfristig sprechen Dollar, Renditen und Zinserwartungen gegen das Edelmetall. Langfristig bleiben Schulden, geopolitische Spannungen und Zentralbankkäufe starke Argumente dafür.
Silber trifft es noch härter
Noch deutlicher als Gold geriet Silber unter Druck.
Nach Veröffentlichung der Inflationsdaten fiel der Silberpreis auf den niedrigsten Stand seit drei Monaten.
Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen laufen wieder in Richtung ihrer Mehrjahrzehnthochs, während der Dollarindex gleichzeitig den höchsten Stand seit 18 Monaten erreicht hat.
Silber reagiert auf solche Bewegungen traditionell deutlich heftiger als Gold. Das zeigt sich auch am Gold-Silber-Verhältnis, das erstmals seit Dezember wieder über 73 gestiegen ist.
Damit entwickelt sich Gold im direkten Vergleich momentan klar besser.
Technisch wurde bei Silber sowohl das Tief der vergangenen Woche bei 58,516 US-Dollar als auch die Fibonacci-Marke bei 58,272 US-Dollar unterschritten.
Damit rücken nun die Tiefs von Ende Juli bei 56,681 und 56,583 US-Dollar in den Vordergrund.
Fällt auch dieser Bereich, wartet mit 54,778 US-Dollar bereits das Jahrestief vom 17. Juli.
Auf der Oberseite liegt der erste kleinere Widerstand bei 56,476 US-Dollar. Danach folgt das frühe US-Hoch bei 57,778 US-Dollar.
Darüber dürfte zunächst die Marke von 60 US-Dollar bremsen. Das Hoch vom Montag bei 61,451 US-Dollar liegt noch einmal ein gutes Stück darüber.
Auch der fallende 20-Tage-Durchschnitt bei aktuell 61,920 US-Dollar dürfte in den kommenden ein bis zwei Handelstagen ungefähr mit dem Wochenhoch zusammenfallen und damit eine zusätzliche Hürde bilden.
Mein Fazit zum Goldpreis
Der Goldpreis steckt kurzfristig in einer schwierigen Lage.
Die Inflation in den USA bleibt hartnäckiger als erwartet, die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinserhöhungen ist deutlich gestiegen und der Dollar gewinnt wieder an Stärke. Gleichzeitig ziehen die Renditen an. Genau diese Faktoren hatten Gold in der Vergangenheit immer wieder unter Druck gesetzt.
Technisch wird jetzt vor allem die Marke von 4.067 US-Dollar wichtig. Sollte sie fallen, könnten zunächst 4.022 US-Dollar und danach 4.000 US-Dollar schnell ins Visier geraten.
Trotzdem wäre es ein Fehler, nur auf die kurzfristige Bewegung zu schauen.
Die langfristigen Argumente für Gold haben sich durch einen einzelnen Inflationsbericht nicht verändert. Staatsschulden steigen, geopolitische Risiken bleiben hoch und Zentralbanken kaufen weiterhin Gold.
Dass die Teilnehmer der LBMA-Konferenz für die kommenden zwölf Monate im Durchschnitt mit einem Goldpreis von mehr als 5.000 US-Dollar rechnen, zeigt, wie groß die Differenz zwischen kurzfristiger Nervosität und langfristiger Erwartung derzeit ist.
Für Anleger wird deshalb in den kommenden Tagen vor allem eine Frage entscheidend: Hält der Bereich um 4.067 US-Dollar – oder wird aus der aktuellen Korrektur beim Goldpreis eine deutlich größere Abwärtsbewegung?
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