Goldpreis trotz Fed-Angst: Anleger kaufen seit 10 Wochen weiter
|Der Goldpreis steht vor einer der wichtigsten Sitzungen der US-Notenbank seit Monaten. Noch vor wenigen Wochen schien eine weitere Zinserhöhung kaum ein Thema zu sein. Inzwischen preist der Markt für Mittwoch mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 bis 88 % einen Zinsschritt um 25 Basispunkte ein. Öl kostet mehr als 100 US-Dollar, die Inflation hält sich hartnäckiger als erhofft und selbst der US-Arbeitsmarkt zeigt bislang kaum größere Schwächen.
Für Gold ist das zunächst eine unangenehme Kombination. Der US-Dollar hat zugelegt, die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sind gestiegen und der Goldpreis fiel zum Wochenstart zeitweise auf den niedrigsten Stand seit fünf Wochen.
Doch genau hier wird es interessant. Denn während der Goldpreis korrigiert, ziehen Anleger seit zehn Wochen in Folge Geld in Gold-ETFs. Gleichzeitig bleiben die geopolitischen Risiken im Nahen Osten hoch. Die Fed könnte deshalb am Mittwoch darüber entscheiden, ob aus dem jüngsten Rücksetzer eine größere Korrektur wird oder Gold ziemlich schnell wieder nach oben dreht.
Die Fed hat plötzlich wieder ein Inflationsproblem
Der vielleicht wichtigste Grund für den Druck auf den Goldpreis ist am Anleihemarkt zu finden.
Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen sind bereits in der vergangenen Woche deutlich gestiegen. Die Rendite der zehnjährigen US-Anleihe näherte sich bis Freitag sogar der psychologisch wichtigen Marke von 5 %. Zu Beginn der neuen Woche liegt sie nur knapp darunter.
Dahinter steckt vor allem die Sorge, dass die Fed noch einmal gegen die Inflation vorgehen muss.
Die jüngsten Inflationsdaten fielen hartnäckiger aus als erhofft. Gleichzeitig notiert Öl oberhalb von 100 US-Dollar, was über Energie- und Transportkosten zusätzlichen Preisdruck erzeugen kann. Hinzu kommt ein widerstandsfähiger Arbeitsmarkt, der der Fed bislang kaum einen zwingenden Grund liefert, die Geldpolitik zu lockern.
Das erklärt, warum die Erwartungen innerhalb kurzer Zeit so deutlich in Richtung einer Zinserhöhung gekippt sind.
Für Gold ist das kurzfristig negativ. Das Edelmetall zahlt weder Zinsen noch Dividenden. Steigen die Renditen sicherer Staatsanleihen, werden diese gegenüber Gold relativ attraktiver. Gleichzeitig stützen höhere US-Zinsen in der Regel den Dollar, was Gold für Käufer außerhalb des Dollarraums verteuert.
Doch die Sache ist nicht ganz so eindeutig, wie die hohe Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung vermuten lässt. Ich neige weiterhin dazu, dass die Fed die Zinsen unverändert lässt. Sollte genau das passieren, wäre die Überraschung am Markt entsprechend groß.
Goldpreis: Diese Marken entscheiden jetzt
Charttechnisch hat der jüngste Rückgang bereits Spuren hinterlassen.
Der Goldpreis fiel kurzzeitig unter seinen steigenden 50-Tage-Durchschnitt. Das 61,8-%-Fibonacci-Retracement der Rally zwischen Juni und August bei 4.232,32 US-Dollar wurde bislang jedoch nicht getestet.
Gleichzeitig bleibt der fallende 100-Tage-Durchschnitt eine Marke, die den Goldpreis nach unten ziehen könnte.
Bis zur Fed-Entscheidung am Mittwoch dürfte sich der Handel meiner Einschätzung nach weitgehend zwischen dem 50-Tage-Durchschnitt auf der Unterseite und dem 20-Tage-Durchschnitt auf der Oberseite abspielen.
Dann wird es spannend.
Bleibt die Fed mit den Zinsen unverändert, dürfte das Hoch der vergangenen Woche bei 4.442,87 US-Dollar schnell wieder in den Fokus rücken. Gelingt der Sprung darüber, wäre der 200-Tage-Durchschnitt bei 4.543,25 US-Dollar die nächste wichtige Marke. Darüber wartet schließlich das Hoch vom 25. August bei 4.696,31 US-Dollar.
Erhöht die Fed dagegen tatsächlich um 25 Basispunkte, dürfte der 50-Tage-Durchschnitt deutlich stärker unter Druck geraten. Dann wäre ein Rückgang in den Bereich von 4.200 US-Dollar durchaus möglich.
Noch entscheidender als die eigentliche Zinsentscheidung wird deshalb sein, was die Fed anschließend signalisiert.
Sollten die Erklärung, die neuen Projektionen und die Aussagen von Fed-Chef Warsh darauf hindeuten, dass weitere Zinserhöhungen folgen könnten, wäre eine tiefere Korrektur beim Goldpreis wahrscheinlich. Entsteht dagegen der Eindruck, dass nach einem möglichen Zinsschritt bis 2027 keine weitere Erhöhung mehr auf dem Tisch liegt, könnte Gold schnell wieder in seine vorherige Handelsspanne zurückkehren.
Anleger kaufen Gold trotzdem weiter
Gerade deshalb finde ich eine andere Entwicklung derzeit besonders interessant.
Trotz des jüngsten Preisrückgangs bleibt die Nachfrage von Investoren robust. Globale Gold-ETFs verzeichneten in der vergangenen Woche Nettozuflüsse von 8,7 Tonnen.
Es war bereits die zehnte Woche in Folge mit Nettozuflüssen.
Das passt auf den ersten Blick nicht zu einem Goldpreis, der gleichzeitig auf ein Fünfwochentief fällt. Genau darin liegt aber die interessante Botschaft.
Kurzfristig dominieren Dollar, Zinsen und die Fed. Längerfristig scheinen Anleger die Argumente für Gold jedoch noch immer überzeugend zu finden.
Und davon gibt es weiterhin einige.
Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten sind ungelöst. Hohe Ölpreise erhöhen das Risiko, dass sich die Inflation länger hält. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage der Zentralbanken nach Gold ein wichtiger langfristiger Faktor.
Gold bleibt damit sowohl als Wertspeicher als auch als Absicherung innerhalb eines Portfolios gefragt.
Der Iran-Krieg macht die Lage noch komplizierter
Ein Grund dafür ist die Entwicklung im Nahen Osten.
Der Iran-Krieg befindet sich inzwischen im siebten Monat und bleibt ein zäher Stillstand ohne entscheidenden Durchbruch.
In den vergangenen Tagen hat Saudi-Arabien seine wichtige Ost-West-Ölpipeline nach Drohnenangriffen aus dem Irak geschlossen. Die Angriffe werden weithin mit vom Iran unterstützten Milizen in Verbindung gebracht.
Gleichzeitig haben die mit Iran verbündeten Huthi weitere Gebiete am Roten Meer sowie die strategisch wichtigen Zugänge zur Meerenge Bab al-Mandeb eingenommen.
Hinzu kommt: Geplante Gespräche zwischen den Golfstaaten und Iran über eine Wiederöffnung der Straße von Hormus wurden verschoben.
Damit bleibt das Risiko für die weltweite Ölversorgung hoch.
US-Präsident Donald Trump signalisiert zwar Offenheit für eine Vereinbarung nach den Zwischenwahlen. Bis dahin bleibt die Lage jedoch angespannt.
Für Gold entsteht daraus eine interessante Gegenbewegung. Auf der einen Seite treibt teures Öl die Inflation und damit möglicherweise die US-Zinsen nach oben, was Gold belastet. Auf der anderen Seite erhöhen Krieg und geopolitische Unsicherheit den Bedarf nach sicheren Anlagen.
Genau dieser Konflikt dürfte den Goldpreis in den kommenden Wochen prägen.
Auch Japan dreht an der Zinsschraube
Und die Fed ist nicht einmal die einzige Notenbank, auf die Anleger in dieser Woche schauen müssen.
Am 17. und 18. September entscheidet die Bank of Japan über ihre Geldpolitik. Eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf 1,25 % ist am Markt nahezu vollständig eingepreist.
Damit würde der japanische Leitzins den höchsten Stand seit 31 Jahren erreichen.
Besonders wichtig dürfte deshalb die Pressekonferenz von Notenbankchef Kazuo Ueda am Freitag werden.
Die Frage lautet, ob Ueda Hinweise auf eine noch schnellere Straffung der Geldpolitik liefert. Auch Japan kämpft schließlich mit Inflationsrisiken durch hohe Ölpreise. Dazu kommen die Schwäche des Yen und zusätzliche Nachfrage durch den KI-Boom.
Für die Bank of Japan bedeutet das zusätzlichen Druck, den lange erwarteten Normalisierungskurs fortzusetzen.
Ausgerechnet KI wird jetzt auch für Gold und Silber wichtig
Noch ungewöhnlicher ist ein anderer Faktor, der derzeit die Märkte bewegt.
Anthropic-Chef Dario Amodei hat angesichts möglicher Sicherheitsrisiken dazu aufgerufen, die Entwicklung besonders leistungsfähiger KI-Modelle bewusst zu verlangsamen. Unterstützung erhielt er dabei von OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk von xAI.
An der Börse lösten die Aussagen heftige Reaktionen aus.
Chiphersteller und Unternehmen aus dem Bereich KI-Infrastruktur wurden verkauft, weil Anleger plötzlich geringere kurzfristige Investitionen in GPUs, Rechenzentren und die gesamte dafür notwendige Infrastruktur einpreisten.
Gleichzeitig verlagerte sich Kapital in Cybersecurity- und Softwareaktien, die in einem vorsichtigeren KI-Umfeld als relative Gewinner gelten könnten.
US-Präsident Donald Trump hält von einer solchen Verlangsamung überhaupt nichts.
Er bezeichnete die Forderungen als „kranke Verschwörung“, die lediglich China zugutekomme. Auf Truth Social schrieb Trump, „die einzige Kontrolle oder die einzigen ‚Leitplanken‘, die KI braucht, sind ein STARKER UND KLUGER (hoher IQ!) PRÄSIDENT“.
Seine Botschaft an die Branche ist eindeutig: Die USA sollen nicht auf die Bremse treten.
Trump erklärte, dass die Vereinigten Staaten China bereits voraus seien, und brachte seine Sicht auf den technologischen Wettlauf auf die Formel: „WER KI GEWINNT, GEWINNT.“
Auch gegenüber Reportern machte der US-Präsident deutlich, dass sich das Land aus seiner Sicht keine Verlangsamung leisten könne.
China sieht das ähnlich – allerdings aus der entgegengesetzten Perspektive.
Peking hat Forderungen nach einer weltweiten Verlangsamung der KI-Entwicklung als „Panikmache“ und als „Drehbuch des Kalten Krieges“ zurückgewiesen, mit dem der chinesische Fortschritt gebremst und der amerikanische Vorsprung gesichert werden solle.
Sollten die USA ihre Entwicklung tatsächlich verlangsamen, würde das anderen Ländern einen zusätzlichen Anreiz geben, ihre Investitionen hochzufahren. Neben China betrifft das vor allem Südkorea, Japan, Indien und Singapur sowie einige Staaten im Nahen Osten.
Sie könnten versuchen, Kapital, Talente und Marktanteile für sich zu gewinnen.
So oder so: Der Geist ist aus der Flasche. Der internationale Wettbewerb dürfte dafür sorgen, dass KI irgendwo auf der Welt mit hoher Geschwindigkeit weiterentwickelt wird.
Warum Silber noch stärker auf die KI-Debatte reagiert
Für den Goldpreis ist diese Diskussion eher ein indirekter Faktor. Bei Silber sieht das schon anders aus.
Silber fiel am Montag im frühen US-Handel ebenfalls auf ein Fünfwochentief. Wie bei Gold belasten die Erwartungen einer Fed-Zinserhöhung und der dadurch gestützte US-Dollar.
Hinzu kommt aber die industrielle Seite des Edelmetalls.
Die Diskussion über eine langsamere KI-Entwicklung hat bereits Kupfer belastet. Wenn weniger neue Rechenzentren und weniger zusätzliche Strominfrastruktur gebaut würden, könnte schließlich auch ein wichtiger zukünftiger Nachfragetreiber für Kupfer schwächer ausfallen.
Bei Silber ist das ähnlich.
Das Metall wird in Elektronik, hochdichten Steckverbindungen und thermischen Materialien innerhalb von KI-Hardware eingesetzt. Werden die Investitionspläne für KI-Infrastruktur vorsichtiger beurteilt, gerät damit auch ein Teil der erwarteten industriellen Silbernachfrage unter Druck.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sich das langfristige Bild grundlegend geändert hat.
Silber hat ein Problem, das sich nicht einfach lösen lässt
Für 2026 wird beim Silbermarkt bereits das sechste strukturelle Angebotsdefizit in Folge erwartet.
Dieses dürfte sich auf rund 46 Mio. Unzen belaufen.
Der entscheidende Grund ist die stagnierende Minenproduktion, während die industrielle Nachfrage weiterhin hoch bleibt.
Silber wird in Elektronik, Solaranlagen und Elektrofahrzeugen benötigt. Hinzu kommen neue Anwendungen rund um künstliche Intelligenz, auch wenn derzeit über eine Verlangsamung der KI-Investitionen diskutiert wird.
Seit Jahren reicht das verfügbare Angebot nicht aus, um die Nachfrage vollständig zu decken.
Dadurch wurden die oberirdischen Lagerbestände kontinuierlich abgebaut. Der physische Markt wird also immer enger.
Genau deshalb bleibt das fundamentale Bild bei Silber mittel- bis langfristig stark, selbst wenn Fed, Dollar und die aktuelle KI-Debatte kurzfristig Gegenwind liefern.
Bei Silber entscheidet ebenfalls der Mittwoch
Charttechnisch läuft auch beim Silber vieles auf die Fed-Entscheidung hinaus.
Bleiben die Zinsen unverändert, erwarte ich auch hier eine Erholung.
Eine wichtige Widerstandszone bilden derzeit der 20-Tage-Durchschnitt bei 66,447 US-Dollar und der 100-Tage-Durchschnitt bei 66,808 US-Dollar. Beide Linien laufen immer enger zusammen.
Ein Ausbruch über diese Zone wäre entsprechend positiv.
Dann könnte das Hoch der vergangenen Woche bei 68,314 US-Dollar erneut getestet werden. Darüber wären auch neue Vorstöße über 70 US-Dollar möglich.
Erhöht die Fed dagegen wie vom Markt inzwischen erwartet die Zinsen, wäre ein deutlicherer Test unterhalb des 50-Tage-Durchschnitts bei 62,571 US-Dollar wahrscheinlich.
Fällt zusätzlich das bisherige Tagestief von 62,346 US-Dollar, rückt die wichtige Fibonacci-Unterstützung bei 61,015 US-Dollar in den Mittelpunkt.
Kurzfristig bleiben Gold und Silber damit Gefangene der Zinserwartungen.
Langfristig sieht das Bild anders aus.
Beim Goldpreis sprechen geopolitische Risiken, Zentralbanknachfrage und anhaltender Inflationsdruck weiter für ein grundsätzlich unterstützendes Umfeld. Silber hat zusätzlich ein strukturelles Angebotsdefizit, das sich bereits über mehrere Jahre aufgebaut hat.
Die Fed kann am Mittwoch also durchaus für einen kräftigen Rücksetzer sorgen. Sie kann die langfristigen Probleme auf der Angebots- und geopolitischen Seite aber nicht einfach verschwinden lassen.
Genau deshalb wird die Reaktion des Goldpreises nach der Zinsentscheidung so interessant. Fällt Gold trotz einer Zinserhöhung nur begrenzt oder dreht nach einem überraschenden Stillhalten der Fed schnell nach oben, wäre das ein deutliches Signal dafür, wie viel langfristige Nachfrage unterhalb des aktuellen Marktes wartet.
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