Goldpreis: Diese 3 Szenarien könnten 5.000 Dollar bringen
|Der Goldpreis hat sich in den vergangenen zwei Jahren von vielen alten Börsenregeln verabschiedet. Realzinsen hoch? Der Dollar stark? Früher waren solche Entwicklungen häufig Gift für Gold. Doch genau dieses Zusammenspiel funktioniert offenbar nicht mehr so zuverlässig wie früher.
Jefferies zieht daraus nun eine bemerkenswerte Konsequenz. Die Investmentbank hat ihr Modell für den Goldpreis komplett neu aufgebaut und kommt auf ein Kursziel von 4.650 US-Dollar je Feinunze bis zum Jahresende. Das entspricht gegenüber dem aktuellen Niveau noch einem Potenzial von rund 5 %.
Noch spannender ist allerdings der Blick darüber hinaus. Für die zweite Jahreshälfte 2026 hält Jefferies weiterhin einen Goldpreis von 4.500 US-Dollar für realistisch, für die erste Hälfte 2027 sogar 5.000 US-Dollar. Und drei Entwicklungen könnten Gold nach Berechnungen der Analysten sogar aus eigener Kraft über diese Marke treiben.
Das Interessante daran: Es geht nicht um eine plötzliche Zinssenkung der Fed oder einen Einbruch des US-Dollars. Jefferies sieht die wichtigsten Treiber inzwischen ganz woanders.
Das alte Gold-Modell funktioniert nicht mehr
Der Ausgangspunkt der neuen Analyse ist ziemlich deutlich.
„Gold hat sich 2024 und 2025 nach oben von seiner historischen Beziehung zu den Realzinsen und dem US-Dollar gelöst“, schreibt Jefferies.
Das ist keine Kleinigkeit. Über viele Jahre gehörten genau diese beiden Faktoren zu den wichtigsten Erklärungen für die Entwicklung des Goldpreises.
Das Prinzip dahinter ist einfach: Gold zahlt weder Zinsen noch Dividenden. Steigen die realen Renditen von Anleihen, wird Gold im Vergleich weniger attraktiv. Auch ein stärkerer Dollar galt traditionell als Belastung, weil Gold in der US-Währung gehandelt wird und sich dadurch für Käufer außerhalb der USA verteuert.
Doch zuletzt wollte sich der Goldpreis nicht mehr an dieses Muster halten.
Jefferies formuliert es entsprechend klar: „Regressionsmodelle, die sich allein auf diese traditionellen Preistreiber stützen, implizieren deshalb häufig einen Goldpreis deutlich unter dem aktuellen Spotpreis und bieten im gegenwärtigen Zyklus nur begrenzte Erkenntnisse.“
Mit anderen Worten: Wenn ein Modell seit längerer Zeit erklärt, warum Gold eigentlich viel billiger sein müsste, Gold aber trotzdem weiter steigt, sollte man möglicherweise nicht am Markt zweifeln, sondern am Modell.
Genau das hat Jefferies getan.
Statt die alte Berechnung lediglich um ein paar Faktoren zu erweitern, haben die Analysten sie praktisch neu aufgesetzt. Untersucht wird ein Zeitraum von 30 Jahren zwischen 1995 und 2025.
Im Mittelpunkt stehen nur noch drei Variablen: die Intensität der weltweiten Reservendiversifizierung, die Frage, ob Gold inzwischen einen größeren Anteil an den Zentralbankreserven einnimmt als US-Staatsanleihen, und das US-Haushaltsdefizit im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.
Besonders der erste Faktor ist entscheidend.
Jefferies berechnet die Intensität der Reservendiversifizierung, indem die jährlichen Nettogoldkäufe der Zentralbanken in Tonnen durch den Anteil des US-Dollars an den weltweiten Devisenreserven geteilt werden.
Die Kennzahl steigt also gleich aus zwei Gründen: Zentralbanken können mehr Gold kaufen oder der Dollar kann gleichzeitig als Reservewährung an Bedeutung verlieren.
Und genau diese Kombination könnte erklären, warum sich der Goldpreis zuletzt so stark von Realzinsen und Dollar abgekoppelt hat.
„Unsere Analyse deutet darauf hin, dass die weltweite Diversifizierung der Reserven in Gold, überwiegend durch Zentralbanken und mit einer Beschleunigung in den vergangenen Jahren, zusammen mit besser verstandenen Faktoren wie der Haushaltslage der Industrieländer statistisch signifikant ist“, schreiben die Analysten.
Zusammen hätten diese Faktoren seit 1995 einen erheblichen Teil der jährlichen Schwankungen des Goldpreises erklärt.
Zentralbanken verändern den Goldmarkt
Für mich ist genau das der interessanteste Punkt der Analyse.
Gold wird derzeit offenbar nicht mehr nur von klassischen Anlegern gekauft, die auf Inflation, Zinsen oder Krisen reagieren. Zentralbanken sind zu einem strukturellen Nachfragefaktor geworden.
Und strukturelle Nachfrage ist etwas anderes als kurzfristige Spekulation.
Ein Investor kann seine Meinung innerhalb weniger Wochen ändern. Zentralbanken bauen ihre Reservestrukturen dagegen häufig über längere Zeiträume um.
Wenn Staaten einen größeren Teil ihrer Reserven in Gold und einen kleineren Teil in US-Dollar oder US-Staatsanleihen halten wollen, entsteht daraus eine Nachfrage, die nicht zwingend davon abhängt, ob die Fed ihren Leitzins im nächsten Quartal um 25 Basispunkte senkt oder nicht.
Genau deshalb hat Jefferies kurzfristige US-Zinsen, das Wachstum der Geldmenge und den US-Dollar-Index bewusst aus seinem neuen Regressionsmodell gestrichen.
Nicht, weil diese Faktoren plötzlich bedeutungslos wären.
Die Investmentbank argumentiert vielmehr, dass sie „wohl indirekt über staatliche Ausgabenmuster und die Entscheidungen der Zentralbanken bei der Kapitalallokation erfasst werden“.
Kurzfristige Zinsen bleiben trotzdem ein Risiko. Jefferies geht deshalb auch nicht davon aus, dass die Schwankungen beim Goldpreis plötzlich verschwinden.
Aber die langfristige Richtung könnte inzwischen stärker von anderen Kräften bestimmt werden.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist das US-Haushaltsdefizit.
Je höher der Staat dauerhaft über seine Verhältnisse lebt, desto stärker wächst die Verschuldung. Das kann das Vertrauen in klassische staatliche Vermögenswerte schwächen und gleichzeitig den Wunsch nach einem Vermögenswert erhöhen, der nicht die Verbindlichkeit eines Staates oder einer Zentralbank darstellt.
Genau an diesem Punkt kommt Gold ins Spiel.
Goldpreis von 5.000 Dollar: Drei Szenarien reichen aus
Das neue Modell bestätigt die bereits zuvor optimistische Goldprognose von Jefferies.
Für die zweite Jahreshälfte 2026 bleibt das Ziel bei 4.500 US-Dollar je Feinunze. Für die erste Jahreshälfte 2027 erwartet die Investmentbank weiterhin 5.000 US-Dollar.
„Das Modell bestärkt uns in unserer Überzeugung, dass die strukturellen Treiber von Gold intakt bleiben und die Risiken für den Spotpreis mittelfristig eher nach oben gerichtet sind“, erklärt Jefferies.
Noch interessanter wird es aber bei den Szenarien, mit denen die Analysten das Modell einem Stresstest unterzogen haben.
Drei Entwicklungen könnten demnach jeweils für sich allein ausreichen, um den Goldpreis über 5.000 US-Dollar je Feinunze zu treiben.
Das erste Szenario wäre eine Rückkehr zu Haushaltsdefiziten wie während der Corona-Pandemie.
Jefferies rechnet hier mit einem US-Defizit von rund 14 % des Bruttoinlandsprodukts.
Das wäre ein extremes Niveau. Sollte der amerikanische Staat wieder in dieser Größenordnung mehr ausgeben als einnehmen, könnte der Goldpreis nach dem Jefferies-Modell die Marke von 5.000 US-Dollar überschreiten.
Das zweite Szenario betrifft den Dollar.
Sinkt der Anteil der US-Währung an den weltweiten Devisenreserven unter 40 %, wäre auch das laut Modell ausreichend.
Gerade diese Schwelle wäre symbolisch bedeutend.
Der Dollar dominiert die internationalen Währungsreserven seit Jahrzehnten. Ein Rückgang auf weniger als 40 % würde deshalb eine weitreichende Verschiebung der globalen Reservepolitik signalisieren.
Gold könnte einer der großen Gewinner davon sein.
Das dritte Szenario ist für Anleger womöglich sogar das greifbarste: Die Zentralbanken verdoppeln ihr derzeitiges Tempo bei den Goldkäufen.
Auch das würde nach den Berechnungen von Jefferies genügen, um Gold über 5.000 US-Dollar zu treiben.
Es müssten also nicht einmal alle drei Entwicklungen gleichzeitig eintreten.
Jede einzelne könnte im Modell ausreichen.
Doch genau hier liegt auch das größte Risiko
Was Gold nach oben treiben kann, funktioniert natürlich auch in die andere Richtung.
Jefferies macht daraus keinen Hehl.
„Unser Modell deutet wenig überraschend darauf hin, dass ein Wechsel der Zentralbanken zu Nettoverkäufen erhebliche negative Auswirkungen auf Gold hätte.“
Das dürfte derzeit das wichtigste Gegenargument zur langfristigen Gold-Hausse sein.
Wenn die Käufe der Zentralbanken tatsächlich einer der entscheidenden Gründe für den starken Goldpreis sind, wäre eine Trendwende an dieser Stelle entsprechend problematisch.
Es reicht dabei ein wichtiger Unterschied: Weniger Gold zu kaufen wäre noch nicht zwangsläufig das Ende der Rally.
Problematischer würde es, wenn Zentralbanken tatsächlich zu Nettoverkäufern werden.
Dann würde nicht nur ein großer Käufer ausfallen. Es käme zusätzlich neues Goldangebot auf den Markt.
Damit ist für Anleger auch klar, welche Entwicklung künftig besonders genau beobachtet werden sollte.
Nicht nur die Fed. Nicht nur der Dollar. Vor allem die internationalen Goldreserven der Zentralbanken.
Was Anleger aus dem neuen Gold-Modell mitnehmen können
Jefferies behauptet selbst nicht, mit seinem neuen Ansatz die perfekte Formel für den Goldpreis gefunden zu haben.
Die Investmentbank beschreibt das Modell vielmehr als Werkzeug, mit dem sich bestehende Prognosen überprüfen und hinterfragen lassen.
Das halte ich für einen wichtigen Unterschied.
Gold wird immer von mehreren Faktoren gleichzeitig beeinflusst. Inflation, Geopolitik, Zinsen, Währungen, Fiskalpolitik und Anlegerstimmung verschwinden nicht einfach, nur weil ein mathematisches Modell drei andere Variablen stärker gewichtet.
Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass sich offenbar verändert hat, welche Faktoren den größten Einfluss besitzen.
Dafür liefert die jüngste Kursentwicklung ein starkes Beispiel.
Vom Beginn des Jahres 2024 bis zum von Jefferies untersuchten Zeitpunkt hat sich der Goldpreis mehr als verdoppelt.
Diese Entwicklung „passt gut“ zur gleichzeitig beschleunigten Diversifizierung der globalen Reserven in Richtung Gold, so die Investmentbank.
Damit verändert sich auch die Art und Weise, wie Anleger über den Goldpreis nachdenken sollten.
Wer ausschließlich auf die nächsten Fed-Zinsschritte oder Bewegungen des US-Dollar schaut, könnte einen Teil der Geschichte übersehen.
Die größere Frage lautet inzwischen möglicherweise: Wie stark wollen Zentralbanken ihre Reserven langfristig vom Dollar weg diversifizieren?
Solange die Käufe anhalten, die Haushaltsdefizite hoch bleiben und der Anteil des Dollars an den weltweiten Devisenreserven weiter zurückgeht, bleiben wichtige strukturelle Argumente für einen hohen Goldpreis bestehen.
Für Aktienanleger ist diese Entwicklung ebenfalls relevant.
Steigt Gold über einen längeren Zeitraum, profitieren große Goldproduzenten und Royalty-Unternehmen besonders direkt davon. Bei Konzernen wie Newmont und Agnico Eagle wächst mit einem höheren realisierten Goldpreis der Abstand zu den sogenannten All-in Sustaining Costs, also den Gesamtkosten, die für die laufende Goldproduktion anfallen.
Je größer dieser Abstand, desto mehr Umsatz kann letztlich in freien Cashflow übergehen.
Natürlich bleibt dabei die Kostenentwicklung entscheidend. Ein höherer Goldpreis allein garantiert keine steigenden Gewinne, wenn beispielsweise Energie-, Lohn- oder Produktionskosten gleichzeitig stark zulegen.
Der Blick auf die Minenbetreiber ist deshalb keine Eins-zu-eins-Wette auf Gold.
Trotzdem bleibt die grundlegende Mechanik klar: Ein nachhaltig steigender Goldpreis verbessert bei ansonsten gleichen Bedingungen die Ertragslage der Produzenten.
Und genau hier liegt der eigentliche Mehrwert der neuen Jefferies-Analyse.
Sie versucht nicht zu erklären, warum Gold nächste Woche 2 % steigt oder fällt. Sie liefert eine Erklärung dafür, warum der Goldpreis strukturell auf einem deutlich höheren Niveau bleiben könnte als in früheren Zyklen.
Ob die 5.000 US-Dollar tatsächlich fallen, hängt am Ende vor allem davon ab, ob die Zentralbanken ihren eingeschlagenen Weg fortsetzen.
Genau sie könnten inzwischen zum wichtigsten Taktgeber für den Goldpreis geworden sein.
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