Rechenzentren spalten die USA: Ein Experiment erklärt den Widerstand
|Rechenzentren sollen der große Infrastrukturmotor des KI-Booms werden. Sie bringen Investitionen, zusätzliche Steuereinnahmen und Arbeitsplätze in eine Region. Eigentlich müsste jede Gemeinde froh sein, wenn ein Technologiekonzern Milliarden vor Ort investieren will. Doch genau das Gegenteil passiert immer häufiger: Der Widerstand wächst.
Warum eigentlich?
Die Antwort hat erstaunlich wenig mit klassischer Wirtschaftstheorie zu tun. Vielmehr geht es um ein Gefühl, das an der Börse oft unterschätzt wird, in der Politik aber enorme Sprengkraft besitzt: Fairness.
Ein bekanntes Experiment aus der Verhaltensökonomie zeigt ziemlich gut, worum es geht.
Beim sogenannten Ultimatumspiel werden zwei fremde Personen per Münzwurf in Gewinner und Verlierer aufgeteilt. Der Gewinner erhält beispielsweise 100 US-Dollar und darf entscheiden, wie viel davon er dem Verlierer anbietet. Verhandelt wird nicht. Es gibt nur ein einziges Angebot.
Nimmt der Verlierer an, bekommen beide ihren jeweiligen Anteil. Lehnt er ab, gehen beide leer aus.
Nach klassischer Finanztheorie müsste der Verlierer selbst ein Angebot von nur einem Dollar akzeptieren. Schließlich ist ein Dollar immer noch besser als nichts.
Nur: So verhalten sich Menschen nicht.
In der Praxis muss das Angebot meist bei rund 40 bis 50 US-Dollar liegen, damit es zuverlässig akzeptiert wird. Wird die Aufteilung als unfair empfunden, verzichtet der Verlierer lieber selbst auf Geld, nur um auch den Gewinner zu bestrafen.
Aus rein wirtschaftlicher Sicht ergibt das wenig Sinn. Menschlich dafür umso mehr.
Und genau hier beginnt das Problem für neue Rechenzentren.
Bei Rechenzentren geht es längst nicht nur ums Geld
Technologiekonzerne argumentieren beim Bau neuer Rechenzentren häufig mit wirtschaftlichen Vorteilen. Neue Jobs entstehen, die lokale Steuerbasis wächst und Milliarden fließen in Infrastruktur.
Das klingt rational.
Für viele Einwohner reicht das trotzdem nicht aus.
Große Tech-Konzerne werden von Teilen der Bevölkerung als außergewöhnlich mächtig wahrgenommen. Damit entsteht eine ähnliche Situation wie beim Ultimatumspiel: Auf der einen Seite steht ein riesiges Unternehmen mit enormen finanziellen Möglichkeiten, auf der anderen eine lokale Gemeinde, die das Gefühl haben kann, bei der Aufteilung der Vorteile den Kürzeren zu ziehen.
Aus Sicht der Einwohner bleibt dann oft nur ein entscheidendes Druckmittel: Nein sagen.
Genau deshalb lässt sich der Konflikt um neue Rechenzentren auch nicht allein dadurch lösen, dass Unternehmen auf zusätzliche Steuereinnahmen oder neue Arbeitsplätze verweisen.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Empfindet die lokale Bevölkerung den Deal als fair?
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Denn wirtschaftlich sinnvoll und gesellschaftlich akzeptiert sind nicht automatisch dasselbe.
Gerade beim Ausbau der KI-Infrastruktur könnte diese Erkenntnis noch wichtig werden. Je größer künstliche Intelligenz wird, desto mehr Rechenleistung wird benötigt. Und diese Rechenleistung muss irgendwo physisch entstehen.
Rechenzentren sind damit kein Randthema des KI-Booms. Sie gehören zu seinen wichtigsten Voraussetzungen.
Wenn Gemeinden neue Projekte blockieren oder verzögern, kann aus einem lokalen politischen Problem schnell ein Engpass für die gesamte Branche werden.
Warum Rechenzentren politisch so explosiv sind
Der Streit eignet sich hervorragend für politische Kampagnen, weil es im Kern eben nicht nur um Geld geht.
Es geht um das Gefühl, ob Kosten und Vorteile gerecht verteilt werden.
Und genau das macht das Thema so wirkungsvoll.
Fairness ist keine Kennzahl, die sich einfach in einer Excel-Tabelle berechnen lässt. Menschen reagieren darauf emotional und sind sogar bereit, wirtschaftliche Vorteile auszuschlagen, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen.
Das Ultimatumspiel zeigt genau dieses Verhalten.
Für Unternehmen bedeutet das: Ein Projekt kann finanziell noch so attraktiv für eine Region erscheinen. Wenn die Bevölkerung das Gefühl hat, dass der Technologiekonzern den Großteil der Vorteile erhält, während sie selbst die Nachteile trägt, reicht die ökonomische Argumentation womöglich nicht.
Der Widerstand gegen Rechenzentren dürfte deshalb auch nicht einfach verschwinden.
Nach Einschätzung der Autoren dürfte das Thema zwar nach den US-Zwischenwahlen etwas aus den Schlagzeilen rutschen. Im Hintergrund dürfte es die Branche jedoch noch über Jahre begleiten.
Und damit wird lokale Akzeptanz zunehmend zu einem Faktor, den auch Anleger nicht ignorieren sollten.
Die viel größere KI-Angst interessiert die Börse kaum
Während der Streit um neue Rechenzentren bereits ganz reale Auswirkungen haben kann, gibt es rund um künstliche Intelligenz noch eine wesentlich größere Sorge.
Was passiert, wenn KI irgendwann tatsächlich außer Kontrolle gerät?
Diese Frage kam kürzlich auch bei einem Gespräch mit einem bekannten Beratungsunternehmen auf. Ein Teilnehmer sprach dort die jüngsten Schlagzeilen über die Möglichkeit an, dass künstliche Intelligenz erheblichen Schaden anrichten oder sogar die Menschheit selbst bedrohen könnte.
Solche Warnungen sind nicht neu.
Sie existieren bereits seit den frühen Tagen der KI-Diskussion, lange bevor die heutige Technologie ihren aktuellen Entwicklungsstand erreichte. Selbst der erste „Terminator“-Film setzte den Höhepunkt dieser Bedrohung auf das Jahr 2029.
Für Anleger ergibt sich daraus eine ungewöhnliche Frage.
Wie bewertet die Börse eigentlich ein Ereignis, dessen Wahrscheinlichkeit niedrig ist, dessen Auswirkungen aber im schlimmsten Fall katastrophal wären?
Die Antwort lautet offenbar: meistens gar nicht.
Denn es ergibt wenig Sinn, darüber zu spekulieren, auf welchem Niveau der S&P 500 stehen würde, wenn künstliche Intelligenz tatsächlich beginnt, die Welt zu übernehmen.
In diesem Szenario hätten wir vermutlich größere Probleme als unsere Aktienportfolios.
Die Vergangenheit zeigt zudem, dass Kapitalmärkte mit solchen existenziellen Risiken erstaunlich nüchtern umgehen.
Der Kalte Krieg zeigt, was an der Börse wirklich zählt
Ein gutes Beispiel liefert der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion.
Seit die Sowjetunion 1949 erstmals eine Atombombe zündete, gehörte die Gefahr eines verheerenden Atomkriegs über Jahrzehnte zum geopolitischen Alltag.
Diese Bedrohung bestand bis weit in die frühen 1980er-Jahre hinein.
Trotzdem ließ sich an den Bewertungen amerikanischer Aktien kein dauerhafter Abschlag erkennen, der die mögliche globale Vernichtung widerspiegelte.
Das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis nach Shiller, kurz CAPE, erreichte 1965 einen Wert von 24. Das war damals der höchste Stand seit der Weltwirtschaftskrise.
1982 lag das CAPE dagegen gerade einmal bei 6.
Der Grund für diese niedrige Bewertung war allerdings nicht eine größere Angst vor einem Atomkrieg.
Es waren hohe Zinsen und eine schwere Rezession.
Das ist der entscheidende Punkt.
Selbst in einer Zeit, in der eine globale Katastrophe permanent möglich erschien, wurden die Aktienbewertungen vor allem von Wirtschaftswachstum, Zinsen und Unternehmensgewinnen bestimmt.
Nicht von der Frage, ob die Welt womöglich untergeht.
Die Börse reagiert lieber, als früh zu warnen
Kapitalmärkte scheinen grundsätzlich wenig Interesse daran zu haben, sehr unwahrscheinliche Katastrophen jahrelang im Voraus einzupreisen.
Stattdessen wartet die Börse häufig darauf, dass aus einem theoretischen Risiko ein konkretes Ereignis wird.
Dieses Verhalten ließ sich erst im vergangenen Jahr beim Schock durch die amerikanische Handelspolitik beobachten und erneut in diesem Jahr beim Krieg zwischen den USA und Iran.
Mögliche negative Ereignisse mit geringer Wahrscheinlichkeit landen deshalb oft nicht oder nur kaum in den Kursen, selbst wenn ihre potenziellen Folgen enorm wären.
Für die große Debatte um eine existenzielle Bedrohung durch KI gilt offenbar dasselbe.
Solange das Risiko theoretisch bleibt, konzentriert sich der Markt auf das, was bereits messbar ist.
Und dort liefert KI derzeit starke Argumente.
Hohe Gewinnmargen im Technologiesektor schlagen sich unmittelbar in den Unternehmensgewinnen nieder. Gleichzeitig sorgen die enormen Investitionen in Rechenzentren und andere KI-Infrastruktur für zusätzliche Wirtschaftsaktivität in den USA.
Diese Effekte sind heute sichtbar.
Eine mögliche KI-Katastrophe irgendwann in der Zukunft ist es nicht.
Anleger dürften sich deshalb vorerst kaum mit Killerrobotern beschäftigen.
Interessanter ist etwas ganz anderes.
Der Widerstand gegen Rechenzentren ist bereits heute real. Projekte können politisch umstritten sein, verzögert oder verhindert werden. Und je wichtiger die physische Infrastruktur für den weiteren Ausbau künstlicher Intelligenz wird, desto größer kann dieser Faktor werden.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Situation.
Die größte theoretische Gefahr der künstlichen Intelligenz interessiert die Börse bislang kaum. Ein wesentlich profaneres Problem könnte dagegen schneller relevant werden: die Frage, ob die Menschen vor Ort überhaupt noch neue Rechenzentren haben wollen.
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